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Politische Ponerologie
Die Wissenschaft über die Natur des Bösen und seiner Anwendung für politische Zwecke
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Kapitel 4 - Ponerologie
Gleichermaßen stimmt es nachdenklich zu sehen, wie vergleichsweise wenig über die Kehrseite der Medaille gesagt wurde: Die Natur, die Ursachen und die Entstehung des Bösen. Diese Dinge werden üblicherweise hinter den oben verallgemeinerten Schlussfolgerungen verborgen, und das mit einem gewissen Maß an Heimlichtuerei. Dieser Umstand kann zum Teil auf die sozialen Gegebenheiten und die historischen Verhältnisse zurückgeführt werden, in denen diese Denker lebten. Ihr Modus Operandi kann zumindest auch von ihrem jeweiligen persönlichen Schicksal, ererbten Traditionen oder sogar durch Intoleranz bestimmt worden sein. Schlussendlich sind Gerechtigkeit und Tugend das Gegenteil von Macht und Widernatürlichkeit; dasselbe gilt für Aufrichtigkeit und Verlogenheit, gleich wie Gesundheit das Gegenteil von Krankheit ist. Es ist auch möglich, dass ihre Gedanken und Worte über die eigentliche Natur des Bösen zu einem späteren Zeitpunkt von genau den Kräften, die sie versuchten zu entlarven, ausgemerzt und versteckt wurden. Der Charakter und die Genesis des Bösen verblieben deshalb in einem verschwiegenen Schleier verborgen. Nur in der Literatur wurde das Thema höchst ausdrucksvoll behandelt. Doch so ausdrucksvoll die literarische Sprache auch sein mag, sie kam niemals in die Nähe der eigentlichen Ursachen des Phänomens. Es verblieb immer ein gewisser kognitiver Raum, wie ein unerforschtes Dickicht moralischer Fragen, der sich einem Verständnis und auch philosophischen Verallgemeinerungen entzog. Heutzutage versuchen Philosophen, die im Begriff sind eine Meta-Ethik zu entwickeln, sich entlang dieses elastischen Raums zu bewegen, was zu einer Analyse der ethischen Sprache führt und dabei Stück für Stück zur Ausräumung der Mängel und Gewohnheiten der natürlichen Konzeptsprache beiträgt. Zum Kern dieser ewig mysteriösen Frage vorzudringen, ist für einen Wissenschafter höchst verlockend. Gleichzeitig sind die aktiven Kenner des sozialen Lebens und auch normale Menschen, die sich auf der Suche nach ihrem Weg befinden, ganz bedeutend von ihrem Vertrauen in bestimmte Autoritäten konditioniert. Andauernde Versuchungen, wie eine Trivialisierung ungenügend bewiesener moralischer Werte oder ein treuloses Ausnützen naiver Menschen zum Selbstzweck, finden innerhalb eines rationalen Verständnisses der Realität kein adäquates Gegengewicht. Wenn sich Mediziner wie Ethiker verhalten würden, d.h. wenn sie nur den Schatten ihrer persönlichen Erfahrungen bei relativ unästhetischen Krankheitsphänomenen in ihre Überlegungen miteinschließen würden, weil sie hauptsächlich am Studium von Fragen physischer und mentaler Hygiene interessiert wären, dann gäbe es beispielsweise keine moderne Medizin. Sogar die Anfänge dieser gesundheitserhaltenden Wissenschaft wären unter ähnlichen Schatten verborgen. Trotz der Tatsache, dass seit dem urzeitlichen Anbeginn die Theorie der Hygiene mit der Medizin verbunden wurde, hatten die Mediziner Recht, vor allem die Krankheiten zu studieren. Um die Ursachen und die biologischen Eigenschaften von Krankheiten zu entdecken, riskierten sie ihre eigene Gesundheit und nahmen viele Opfer auf sich, um danach das pathologische Kräftespiel im Verlauf dieser Krankheiten verstehen zu können. Das Verständnis der Natur einer Krankheit und deren Verlauf ermöglicht schließlich die Entwicklung wirkungsvoller Heilmittel. Während des Studiums der Fähigkeiten eines Organismus bei der Krankheitsbekämpfung, entwickelten Wissenschafter Impfungen, die einem Organismus erlauben, gegenüber einer Krankheit resistent zu werden, ohne dabei die vollen Krankheitssymptome ausleben zu müssen. Dank dieser Vorgehensweise kann die Medizin Phänomene überwinden und verhindern, die aus der Perspektive ihrer Krankheitsverläufe als eine Art des Bösen angesehen werden können. Somit stellt sich die Frage: Könnte nicht irgendein ähnlicher Modus Operandi angewandt werden, um die Ursache und die Entstehung andere Ausdrucksweisen von bösen, geißelnden, menschlichen Individuen, Familien und ganzen Gesellschaften zu studieren, und das trotz der Tatsache, dass sie offenbar unsere moralischen Gefühle weit mehr verletzen, als es Krankheiten tun? Die Erfahrung hat den Autor gelehrt, dass das Böse in seiner Natur Krankheiten ähnelt, obgleich es möglicherweise komplexer und schwieriger zu erfassen ist. Seine Entstehung enthüllt viele Faktoren pathologischen und insbesondere psychopathologischen Charakters, deren Essenzen von der Medizin und der Psychologie bereits untersucht wurden, oder deren Verständnis eine nähere Betrachtung dieser Bereiche erfordert. Parallel zur traditionellen Herangehensweise können Probleme, die im Allgemeinen als moralisch betrachtet werden, auch auf Basis der Fakten behandelt werden, die von der Biologie, der Medizin und der Psychologie geliefert werden, da solche Faktoren gleichzeitig in der Fragestellung als Ganzes eine Rolle spielen. Die Erfahrung zeigt uns, dass ein Verständnis der Essenz und der Entstehung des Bösen im Allgemeinen auf Daten aus diesen Bereichen zurückgreift. Eine philosophische Betrachtung allein reicht nicht aus. Die Philosophie mag all die wissenschaftlichen Disziplinen hervorgebracht haben, doch die wissenschaftlichen Disziplinen reiften erst, als sie unabhängig waren und auf genauen Daten und einer Verbindung zu anderen Disziplinen, die ebenfalls Informationen beisteuerten, beruhten. Ermutigt durch oft „zufällige“ Entdeckungen dieser lebensnahen Aspekte des Bösen, hat der Autor die Methodologie der Medizin imitiert; als klinischer Psychologe und Kollege von Medizinern hatte er diese Tendenz ohnehin. Wie es bei Ärzten und Krankheiten der Fall ist, nahm er das Risiko des engen Kontakts mit dem Bösen auf sich und litt unter den Konsequenzen. Sein Ziel war es, die Möglichkeiten eines Verständnisses der Natur des Bösen und seine ursächlichen Faktoren zu erforschen, sowie seine Pathodynamiken zu verfolgen. Die Entwicklungen in der Biologie, der Medizin und der Psychologie öffneten so viele Wege, dass sich eine solche Vorgehensweise nicht nur als zulässig herausstellte, sondern auch als außerordentlich ergiebig. Persönliche Erfahrungen und verfeinerte Methoden in der klinischen Psychologie erlaubten es, dass immer mehr akkurate Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Ein große Schwierigkeit gab es jedoch: unzureichende Daten, besonders im Bereich der Wissenschaft der Psychopathie. Dieses Problem musste gelöst werden. Ich musste es auf Basis meiner eigenen Nachforschungen lösen. Diese Unzulänglichkeit war durch die Nachlässigkeit in diesen Bereichen verursacht, durch theoretische Schwierigkeiten, mit denen die Forscher konfrontiert waren und durch die unpopuläre Natur dieser Probleme. Diese Arbeit, und ganz besonders dieses Kapitel, enthalten Hinweise auf Forschungsergebnisse, die der Autor entweder nicht veröffentlichen konnte oder aus Gründen der persönlichen Sicherheit bislang nicht veröffentlichen wollte. Traurigerweise sind die Originale verloren gegangen und mein Alter lässt eine Rekonstruktion nicht mehr zu. Ich hoffe, dass meine Beschreibungen, Beobachtungen und Erfahrungen, die ich hier aus meinem Gedächtnis zusammenfasse, die Basis für neue Bemühungen bilden werden, dass die Daten, die benötigt werden, aufs Neue bestätigen können was damals schon bestätigt wurde. Nichtsdestotrotz entstand aus meiner und der Arbeit anderer in diesen vergangenen tragischen Zeiten eine neue Disziplin, die zu unserem Leuchtturm wurde: Zwei griechische Philologen/Mönche tauften sie „PONEROLOGIE“, aus dem griechischen poneros/das Böse. Der Prozess der Entstehung des Bösen wurde entsprechend „Ponerogenese“ benannt. Ich habe die Hoffnung, dass diese bescheidenen Anfänge wachsen werden, damit wir in die Lage kommen, das Böse mittels eines Verständnisses seiner Natur, seiner Ursachen und seiner Entwicklung zu überwinden. ~~~
Alle genannten Personen wurden psychologischen Tests unterzogen und es wurde eine genaue Anamnese1 erstellt, um ihre allgemeinen mentalen Fähigkeiten zu bestimmen und dabei entweder die Möglichkeit von Verletzungen des Hirngewebes auszuschließen oder zu entdecken, wie auch diese Punkte zueinander in Beziehung zu bringen sind.2 Auch wurden in Abstimmung mit den Bedürfnissen der Patienten andere Methoden angewandt, um ein ausreichend korrektes Bild des psychologischen Zustandes zeichnen zu können. In den meisten Fällen konnte der Autor auf die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen und der Labortests, die in medizinischen Einrichtungen durchgeführt wurden, zugreifen. Ein Psychologe kann viele wertvolle Beobachtungen machen, wie sie in dieser Arbeit angewandt werden, wenn er selbst einem Missbrauch ausgesetzt ist, so lange sein Interesse an Erkenntnis seine natürlichen menschlichen emotionalen Reaktionen bezwingt. Wenn das nicht der Fall ist, muss er seine professionellen Fähigkeiten nutzen, um sich zuerst selbst zu retten. Der Autor hatte niemals einen Mangel an solchen Möglichkeiten, da sein unglückliches Land vollgepfropft von Beispielen menschlicher Ungerechtigkeit ist, denen er selbst in zahlreichen Fällen ausgesetzt war. Die Analyse der Persönlichkeiten und der Entstehung der Verhaltensweisen zeigte, dass nur 14 bis 16 Prozent der 384 Personen, die andere Menschen verletzen, keine psychopathologischen Faktoren aufwiesen, die ihr Verhalten beeinflussen hätten können. In Bezug auf diese Statistik sollte deutlich gemacht werden, dass eine psychologische Nicht-Erkennung solcher Faktoren nicht bedeutet, dass es sie nicht gibt. Bei einem beträchtlichen Teil der Fälle war der Mangel an Beweisen eher ein Resultat ungenügender Interviewbedingungen, mangelhafter Testmethoden und nicht ausreichender Fähigkeiten seitens der Tester. Aus diesem Grunde erschien die natürliche Realität prinzipiell von den alltäglichen Verhaltensweisen, die das Böse auf moralisierende Weise interpretieren, und auch von den juristischen Praktiken, die nur in einem kleinen Teil der Fälle ein Gerichtsurteil ausjudizierten konnten unterschiedlich, indem sie die pathologische Charakteristik des Kriminellen in Betracht zog. Wir können unsere Schlussfolgerungen häufig aus ausschließenden Hypothesen ziehen, indem wir zum Beispiel darüber nachsinnen, was geschehen würde, wenn ein bestimmtes Fehlverhalten keine pathologische Komponente enthalten würde. Wir kommen dann üblicherweise zum Schluss, dass die Tat nicht geschehen wäre, da der pathologische Faktor entweder das Geschehen besiegelt hat, oder zu einer unabdingbaren Komponente bei deren Entstehung geworden ist. In dieser Hypothese liegt deshalb auch, dass solche Faktoren überall bei der Entstehung des Bösen am Werk sind. Die Schlussfolgerung, dass pathologische Faktoren im Allgemeinen bei ponerogenischen Prozessen ihren Anteil haben scheint noch wahrscheinlicher, wenn wir die ethischen Überzeugungen vieler Gelehrten in Betracht ziehen, dass das Böse eine Art Netz, oder ein Kontinuum wechselseitiger Konditionierung ist. Innerhalb dieser ineinander greifenden Struktur nährt die eine Art des Bösen andere Formen und öffnet ihnen das Tor, unabhängig jeglicher individueller oder überzeugungsberuhender Motivationen. Das Böse respektiert keine individuellen Grenzen, keine sozialen Gruppen und keine Nationen. Da innerhalb der Synthese in den meisten Fällen des Bösen pathologische Faktoren vorhanden sind, sind diese ebenfalls in diesem Kontinuum vorhanden. In weiteren Betrachtungen der angestellten Beobachtungen wurde nur ein Teil der oben erwähnten vielfältigen Fälle unter die Lupe genommen, besonders jene Fälle, in denen keine inneren Zweifel über eine Unvereinbarkeit mit natürlichen moralischen Einstellungen aufgekommen sind, und jene Fälle, bei welchen keine praktischen Probleme bei einer tieferen Untersuchung zu erwarten waren (wie zum Beispiel ein Fernbleiben des Patienten). Der statistische Zugang lieferte nur allgemeine Richtlinien. Ein intuitives Eindringen in jedes individuelle Problem und eine ähnlich gelagerte Vorgehensweise bei dem Thema als Ganzes stellte sich als die produktivste Methode in diesem Gebiet heraus. Die Rolle der pathologischen Faktoren in einem Entstehungsprozess des Bösen kann von jedem bekannten oder noch nicht ausreichend erforschten psychopathologischen Phänomen, wie auch von manchen pathologischen Erscheinungen, die die medizinische Praxis nicht in die Psychopathologie miteinschließt, übernommen werden. Ihre Aktivität in einem ponerogenischen Prozess hängt jedoch von anderen Eigenschaften ab, als der Offensichtlichkeit oder der Intensität des Befindens. Im Gegenteil, die größte ponerogenische Aktivität wird durch pathologische Faktoren erreicht, und das mit einer Intensität, die es im Allgemeinen erlaubt, sie mittels klinischer Methoden auszumachen, obwohl sie in der Meinung des sozialen Umfeldes noch nicht als pathologischen angesehen werden. Solch ein Faktor kann daraufhin im Verborgenen die Fähigkeiten des Trägers einschränken, sein Verhalten zu kontrollieren, oder er kann Auswirkungen auf andere Menschen haben, indem er ihre Psyche traumatisiert, sie fasziniert und verursacht, dass sich die Persönlichkeiten der Menschen falsch entwickeln oder rachsüchtige Emotionen oder eine Lust zu Strafen entstehen lässt. Bei solchen Dingen und ihren Folgeerscheinungen eine moralisierende Interpretation vorzunehmen bedeutet, gegen die Fähigkeit der Menschheit zu agieren, die Ursachen des Bösen zu erkennen und den gesunden Menschenverstand zu nutzen, um das Böse zu bekämpfen. Aus diesem Grund können eine Identifikation solcher pathologischer Faktoren und die Offenlegung ihrer Aktivitäten sehr oft ihre ponerogenischen Funktionen ersticken. Im Prozess der Entstehung des Bösen können pathologische Faktoren aus dem Inneren eines Menschen wirken, der eine schädigende Tat begangen hat. Solch eine Tat wird in der öffentlichen Meinung und von der Judikatur relativ leicht erkannt. Weit weniger häufig wird dabei betrachtet, wie sich äußere Einflüsse, die über ihre Träger ausgestrahlt werden, auf einzelne Menschen oder Gruppen auswirken. Solche Einflüsse spielen jedoch in der allgemeinen Entstehung des Bösen eine substantielle Rolle. Damit solche Einflüsse aktiv werden können, muss die betreffende pathologische Charakteristik auf moralische Weise interpretiert werden, also unterschiedlich von seiner wahren Natur. Für solche Aktivitäten gibt es viele Möglichkeiten. Betrachten wir vorerst die schädlichste Aktivität. Jeder Mensch assimiliert im Laufe seines Lebens, und besonders während seiner Kindheit, psychologisches Material von anderen Menschen. Dies geschieht durch mentale Resonanz, Identifikation, Imitation und andere Formen der Kommunikation, woraufhin sich die eigene Persönlichkeit und Weltsicht bildet. Wenn das betreffende Material von pathologischen Faktoren und Missbildungen kontaminiert ist, wird sich die Persönlichkeit ebenfalls missgebildet entwickeln. Das Ergebnis ist eine Person, die unfähig ist, weder sich selbst noch andere Menschen zu verstehen, die keine normalen menschlichen Beziehungen führen kann und keine Moral besitzt; dieser Mensch entwickelt eine Persönlichkeit, die böse Taten mit einem nur sehr geringen Schuldgefühl begeht. Ist dieser Mensch wirklich schuldig? Die uralten, bekannten moralischen Schwächen des Menschen, Unzulänglichkeiten in der Intelligenz, korrekte Schlussfolgerungen und Wissen verknüpfen sich mit der Wirkungsweise verschiedener pathologischer Faktoren und schaffen so ein komplexes Netzwerk von Ursachen, das häufig aus Feedback-Beziehungen oder geschlossenen kausalen Strukturen besteht. Praktisch bedeutet das, dass Ursache und Wirkung zeitlich oft weit auseinander liegen, was ein Nachspüren der Verbindungen sehr schwierig macht. Wenn unsere Perspektive der Beobachtung weit genug ist, erinnern uns die ponerogenischen Prozesse an komplexe chemische Vorgänge, wobei die Modifizierung eines einzelnen Faktors eine Veränderung des gesamten Prozesses hervorrufen kann. Botaniker kennen das Gesetz vom Minimum, bei dem das Wachstum einer Pflanze von den Inhaltsstoffen jener Komponente eingeschränkt wird, die in der Erde nur mangelhaft vorhanden ist. Gleichermaßen sollte ein Ausschalten (oder zumindest eine Einschränkung) der Wirkungsweise einer der erwähnten Faktoren oder Mängel eine entsprechende Abschwächung des gesamten Prozesses der Genese des Bösen zur Folge haben. Moralisten haben uns seit Jahrhunderten angewiesen, Ethik und menschliche Werte zu entwickeln; sie waren auf der Suche nach korrekten intellektuellen Kriterien. Auch achteten sie die Korrektheit der Vernunft, dessen Wert in diesem Bereich außer Frage steht. Doch trotz all ihrer Bemühungen waren sie nicht in der Lage, die vielen Arten des Bösen zu überwinden, die die Menschheit seit Jahrhunderten geißeln und die gegenwärtig ungeahnte Proportionen annehmen. Ein Ponerologe wünscht keinesfalls die Rolle der moralischen Werte in diesem Bereich zu schmälern ganz im Gegenteil, er möchte sie mit bislang unterbewertetem wissenschaftlichen Wissen stärken, um das Szenario als Ganzes abzurunden, es besser auf die Realität abzustimmen und dabei effektivere Handlungen in der moralischen, psychologischen, sozialen und politischen Praxis zu ermöglichen. Diese neue Disziplin ist deshalb hauptsächlich an der Rolle der pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen interessiert. Dies besonders deshalb, weil eine bewusste Kontrolle und eine Beobachtung dieser Faktoren auf wissenschaftlicher, sozialer und individueller Ebene solche Prozesse effizient vermeiden oder entschärfen könnte. Was seit Jahrhunderten unmöglich war, wird nun in der Praxis durchführbar, Dank der Fortschritte in lebensnahen Erkenntnissen. Methodologische Verfeinerungen hängen von der weiteren Entwicklung detaillierter Daten und der Überzeugung ab, dass solch eine Vorgehensweise nützlich ist. Im Zuge der Psychotherapie können wir zum Beispiel einen Patienten darüber informieren, dass wir bei der Untersuchung der Entstehung seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens, Einflüsse eines oder mehrerer Menschen mit psychopathologischen Charakteristika feststellen können. Wir begehen damit einen Eingriff, der für den Patienten schmerzhaft ist und der verlangt, dass wir in der weiteren Folge taktvoll und professionell damit umgehen. Als Resultat dieses Eingriffes entwickelt der Patient jedoch eine Art Selbstanalyse, die ihn von den Ergebnissen besagter Einflüsse befreit und ihm ermöglicht, beim Umgang mit ähnlich gelagerten Faktoren eine kritische Distanz einzunehmen. Seine Rehabilitation wird davon abhängen, ob er seine Fähigkeiten, sich selbst und andere zu verstehen, verbessern kann. Dank dieser Einsicht kann er seine inneren und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten leichter überwinden und Fehler vermeiden, die ihm und seinem unmittelbaren Umfeld Schmerzen bereiten.
Auch sollen einige historische Persönlichkeiten erwähnt werden, Menschen, deren pathologische Charakteristik zur Genese des Bösen auf breiter sozialer Basis beigetragen hatte und die dem Schicksal der Nationen ihren Stempel aufgedrückt haben. Es ist keine leichte Aufgabe eine Diagnose für Menschen zu erstellen, deren psychologische Anomalien und Krankheiten mit ihnen gestorben sind. Die Resultate solch klinischer Analysen sind sogar für eine Infragestellung von Leuten offen, die auf diesem Gebiet kein Wissen und keine Erfahrung besitzen, da sich das reine Bemerken solcher Geisteszustände mit ihren historischen oder literarischen Denkweisen nicht in Einklang bringen lässt. Während solche Annahmen auf Basis des Vermächtnisses der natürlich und häufig moralisierenden Sprache geschehen, kann ich nur nochmals versichern, dass ich meine Entdeckungen immer auf vergleichende Daten bezogen habe, welche die zahlreichen Beobachtungen zum Ergebnis hatten, die ich mithilfe der objektiven Methode der zeitgenössischen klinischen Psychologie im Studium vieler ähnlich gelagerter Fälle durchgeführt habe. Ich habe mich diesem Thema so weit wie möglich kritisch angenähert. Die Meinungen von Spezialisten, die auf ähnliche Weise vorgegangen sind, verbleiben trotzdem wertvoll.
Anerzogene Abweichungen
Das Gehirn hat nur sehr geringe regenerative Fähigkeiten. Wenn ein Teil des Gehirns verletzt wurde und daraufhin zu heilen beginnt, kann ein Rehabilitationsprozess stattfinden, worin die angrenzenden, gesunden Bereiche im Gehirn die Funktionen des beschädigten Teils übernehmen. Dieser Ersatz ist jedoch niemals perfekt; aus diesem Grund können in allen Fällen sogar bei sehr kleinen Verletzungen Mängel in den Fähigkeiten und korrekten psychologischen Prozessen festgestellt werden. Mittels entsprechender Tests kann dies erkannt werden. Fachleute sind sich der vielfältigen Ursachen für die Entstehung solchen Mängel bewusst. Auch Trauma und Infektionen spielen hier eine Rolle. Wir sollten hier betonen, dass die psychologischen Resultate solcher Veränderungen wie wir viele Jahre später beobachten können in ihrer Schwere vom Ort der Verletzung in der Gehirnmasse abhängen, ob sie sich an der Oberfläche oder mitten im Gehirn befinden, und nicht von der Ursache, warum sie entstanden sind. Die Qualität der Konsequenzen ist auch davon abhängig, wann sie im Leben eines Menschen aufgetreten sind. In Bezug auf die pathologischen Faktoren des ponerogenischen Prozesses zeigen Schäden, die um den Zeitpunkt der Geburt herum oder in der frühen Kindheit entstanden sind, aktivere Ergebnisse als Verletzungen, die später im Leben geschehen sind. In Gesellschaften mit einer hoch entwickelten medizinischen Versorgung finden wir in den ersten Klassen der Grundschulen (sobald Test durchgeführt werden können), dass 5 bis 7 Prozent der Kinder unter Gehirnläsionen leiden, die gewisse akademische Schwierigkeiten oder Verhaltensstörungen verursachen. Dieser Prozentsatz steigt mit zunehmendem Alter. Die moderne medizinische Versorgung hat hier zu einer Abnahme solcher Phänomene beigetragen, in relativ unzivilisierten Ländern und in der Vergangenheit waren und sind jedoch Anzeichen von Schwierigkeiten, die durch solche Veränderungen im Gehirn verursacht werden, öfter anzutreffen. Epilepsie und ihre vielen Ausformungen sind das älteste bekannte Resultat solcher Läsionen; sie kann jedoch nur in einer relativ kleinen Gruppe von Menschen beobachtet werden. Hier sind sich die Forscher ziemlich einig, dass Julius Cäsar und später Napoleon Bonaparte unter epileptischen Anfällen gelitten haben. Dies waren wahrscheinlich Fälle von vegetativer Epilepsie, die durch Läsionen verursacht wurden, die tief im Gehirn nahe den vegetativen Zentren lagen. Diese Art von Epilepsie hat keine Demenz zur Folge. Das Ausmaß, bis zu dem diese versteckten Leiden ihre Charaktere und ihre historischen Entscheidungen negativ beeinflussten, oder ob sie eine ponerogenische Rolle einnahmen, kann in einer anderen Arbeit untersucht werden. Es wäre von größtem Interesse. In den meisten Fällen jedoch ist Epilepsie eine offenkundige Krankheit, die deren Rolle als ponerogenischer Faktor einschränkt. Ein weitaus größerer Bereich bei Trägern von Gehirnverletzungen wächst im Laufe der Zeit die negative Deformation ihrer Charaktere. Dies nimmt die unterschiedlichsten mentalen Formen an, jeweils abhängig von den Eigenschaften und der Lokalisation der Veränderungen im Gehirn, dem Zeitpunkts ihres Entstehens und auch von den jeweiligen Lebensumständen nach der Verletzung. Wir wollen solche Charakterstörungen als Charakteropathien bezeichnen. Manche Charakteropathien sind im Prozess der Entstehung des Bösen in ihrer Funktion als pathologische Agenten ausschlaggebend. Wir wollen nun die aktivsten unter ihnen beschreiben. Charakteropathien weisen bestimme ähnliche Merkmale auf, wenn das klinische Bild nicht durch das zusätzliche Vorhandensein weiterer mentaler Anomalien (die üblicherweise vererbt sind) getrübt ist, was in der Praxis zeitweilig vorkommt. Gesundes Gehirngewebe enthält die natürlichen psychologischen Eigenschaften unserer Art. Dies zeigt sich besonders bei instinktiven und affektiven Reaktionen, die zwar natürlich, aber häufig nicht ausreichend kontrolliert sind. Inmitten der normalen menschlichen Welt, zu der sie von Natur aus zugehörig sind, leben Menschen mit solchen Anomalien. Auf diese Weise finden ihre unterschiedliche Art zu denken, ihre emotionale Gewalttätigkeit und ihr Egotismus relativ leicht Eintritt in die Psyche anderer Menschen, wo sie in Kategorien der alltäglichen Welt wahrgenommen werden. Verhalten sich Menschen mit Charakterstörungen solcherart, dann werden die Psyche und die Gefühle der normalen Menschen traumatisiert und schrittweise verschwindet ihre Fähigkeit, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen. Trotz ihres Widerstandes gewöhnen sich Opfer von Charakteropathen an die rigiden Verhaltensweisen einer pathologischen Denkweise und deren Praxis. Wenn es sich um junge Opfer handelt, leidet die Persönlichkeit unter einer abnormalen Entwicklung, die zu einer Fehlbildung der Persönlichkeit an sich führt. Deshalb stellen Charakteropathen und deren Opfer pathologische, ponerogenische Faktoren dar, durch deren verborgene Aktivitäten mit Leichtigkeit neue Phasen in der ewigen Entstehung des Bösen erzeugt werden und die Tür für eine spätere Aktivierung weiterer Faktoren geöffnet wird, die dann die Hauptrolle übernehmen. Ein relativ gut dokumentiertes Beispiel solch eines Einflusses einer charakteropathischen Persönlichkeit auf makrosozialer Ebene ist der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II.3 Während seiner Geburt erlitt er ein Hirntrauma. Während und nach seiner Regentschaft wurde seine körperliche und psychische Behinderung vor der Öffentlichkeit verborgen. Die motorischen Fähigkeiten seines linken Armes waren beeinträchtigt. Er lernte als Kind nur sehr schwer Grammatik, Geometrie und Zeichnen, jene drei akademischen Schwierigkeiten, die bei kleineren Hirnverletzungen typischerweise auftreten. Er entwickelte eine Persönlichkeit mit kindlichen Merkmalen und unzureichender Kontrolle über seine Emotionen, wie auch mit einer auf eine Weise paranoiden Denkweise, mit der er mit Leichtigkeit den Kern einiger schwerwiegender Angelegenheiten umging, um so Problemen auszuweichen. Militärische Posen und eine Generalsuniform überkompensierten seine Minderwertigkeitsgefühle und verdeckten effektiv seine Unzulänglichkeiten. Politisch hatte er keine Kontrolle über seine Gefühle und es wurden auch Facetten persönlichen Hasses sichtbar. Bismarck musste gehen, der alte, eiserne Reichskanzler, der abgefeimte und unnachgiebige Politiker, der loyal zur Monarchie stand und der für die preußische Macht verantwortlich war. Letztendlich wusste er zuviel über die Behinderungen des Prinzen und er war auch gegen seine Krönung. Offen kritischen Menschen widerfuhr ein ähnliches Schicksal, sie wurden durch Leute ersetzt, die weniger klug und weniger subversiv waren, und die zum Teil - auch leichte psychologische Abweichungen aufwiesen. Es gab ein negatives Auswahlverfahren. Da die normalen Menschen dazu geneigt waren, sich mit dem Kaiser zu identifizieren, konnte dieser mittels seines Regierungssystems charakteropathische Entscheidungen hervorbringen, die zum Ergebnis hatten, dass viele Deutsche schrittweise ihre Fähigkeit zur Nutzung ihres gesunden Menschenverstandes verloren. Eine ganze Generation wuchs mit psychologischen Missbildungen in Bezug auf ihre Gefühle und ihr moralisches, psychologisches, soziales und politisches Verständnis der Realitäten auf. Es ist außerordentlich typisch, dass es in vielen deutschen Familien ein Mitglied gab, das psychologisch nicht normal war. Es war sogar eine Ehrensache (sogar ruchloses Benehmen wurde entschuldigt), diese Tatsache nicht offen zu zeigen und dies sogar vor nahen Freunden und Verwandten zu verbergen. Dieses psychopathologische Material wurde gemeinsam mit einer unrealistischen Denkweise von großen Bereichen der deutschen Gesellschaft aufgenommen, worin Sprüchen und Schlagwörtern die Macht von Argumenten übertragen wird und reale Fakten einer unterbewussten Selektion ausgesetzt sind. Dies geschah zu einer Zeit, als in ganz Europa eine Welle der Hysterie immer stärker anwuchs, was eine Tendenz der Herrschaft von Emotionen über das menschliche Verhalten mit einschließt, wie auch darin enthaltene Elemente theatralischen Gebarens. Wie ein individuell besonnener Gedanke von einem solcherart gefärbten Verhalten terrorisiert werden kann, zeigte sich besonders bei Frauen. Dies verbreitete sich sukzessive über drei Kaiserreiche und auch über andere Länder auf dem Kontinent. Wie hat nun Wilhelm II, gemeinsam mit zwei weiteren Kaisern, die ebenfalls nicht in der Lage waren, die historischen Fakten zu verstehen und die auch nicht regieren konnten, zu diesem Umstand beigetragen? Bis zu welchem Ausmaß waren sie selbst von der verstärkten Hysterie während ihrer Regentschaften beeinflusst? Dies wäre ein interessanter Diskussionspunkt unter Historikern und Ponerologen. Die internationalen Spannungen wurden intensiver. Erzherzog Ferdinand wurde in Sarajevo ermordet. Unglücklicherweise waren weder der Kaiser noch irgendeine andere Regierungsautoriät in seinem Land im Vollbesitz ihrer Vernunft. Die darauf folgenden Sequenzen wurden von Wilhelms emotionaler Verhaltensweise und den Stereotypen von Gedanken und Handlung, die aus der Vergangenheit übernommen wurden, dominiert. Der Krieg brach aus. Die vorhandenen Kriegspläne, die in früheren Zeiten vorbereitet worden waren, verloren angesichts der neuen Umstände ihre Bedeutung und gestalteten sich eher wie militärische Manöver. Sogar jene Historiker, die mit der Entstehung und dem Charakter des preußischen Reiches vertraut sind - also auch der ideologischen Unterwerfung der Menschen unter der Autorität von König und Kaiser und seiner Tradition eines blutigen Expansionismus sind der Auffassung, dass in diesen Situationen ein unverständliches Verhängnis lag, das nach einer Analyse der historischen Ursachen verlangt.4 Es wird immer dieselbe besorgte Frage von vielen bedachten Menschen gestellt: Wie konnte es geschehen, dass die deutsche Nation als Führer einen clownesken Psychopathen gewählt hatte, der aus seinen pathologischen Visionen einer Herrschaft der Herrenrasse kein Hehl machte? Unter seiner Führung brach Deutschland einen zweiten kriminellen und politisch absurden Krieg vom Zaun. Während der zweiten Hälfte dieses Krieges führten hochqualifizierte Wehrmachtsoffiziere unmenschliche Befehle aus, die sowohl aus politischer wie auch militärischer Sicht völlig sinnlos waren, ausgegeben von einem Mann, dessen psychologischer Zustand den allgemeinen Kriterien entsprach, die bei einem Durchschnittsbürger für eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt gereichen. Jeder Versuch, die Geschehnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mittels allgemein akzeptierter historischer Anschauung zu erklären, hinterlässt ein quälendes Gefühl der Unzulänglichkeit. Nur eine ponerologische Annäherung kann diesen Mangel in unserem Verständnis kompensieren, so wie sie auch der Rolle der verschiedenen pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen auf jeder sozialen Ebene ihren Platz einräumt. Die deutsche Nation, seit einer Generation mit psychologisch veränderten Materialien genährt, fiel in einen Zustand, der mit dem Zustand bestimmter Menschen vergleichbar ist, die von Menschen großgezogen wurden, die sowohl charakteropathische als auch hysterische Züge aufweisen. Psychologen wissen aus Erfahrung, wie häufig solche Menschen sich gestatten Dinge zu tun, die andere Menschen ernsthaft verletzen. Ein Psychotherapeut benötigt ein gutes Stück ausdauernde Arbeit, Talent und Besonnenheit, um einem solchen Menschen zu ermöglichen, seine Fähigkeit wiederzuerlangen, psychologische Probleme mit einem natürlicheren Realismus zu verstehen und seine gesunde Kritikfähigkeit in Bezug auf sein eigenes Verhalten zu benutzen. Die Deutschen verschuldeten im ersten Weltkrieg enormen Schaden und Leid, und sie litten auch selbst darunter. Sie fühlten sich deshalb nicht als Hauptschuldige. Sie waren sogar der Meinung, dass sie diejenigen waren, denen Urecht angetan wurde. Dies ist nicht überraschend, da sie sich ja im Einklang mit ihrem angewöhnten Verhalten befanden, ohne sich dabei der pathologischen Ursachen bewusst zu sein. Die Notwendigkeit, diesen pathologischen Zustand nach einem Krieg in heroischer Verkleidung zu verbergen, um einen schmerzlichen Zerfall zu vermeiden, verbreitete sich allzu sehr. Es entstand ein mysteriöses Verlangen, als ob der soziale Organismus nach einer Droge süchtig wäre. Das Verlangen nach noch mehr pathologisch verändertem psychologischem Material, ein Phänomen, das aus der psychotherapeutischen Praxis bekannt ist. Dieser Hunger konnte nur durch eine ähnlich pathologische Persönlichkeit gestillt werden, und durch ein ähnliches Regierungssystem. Der Weg des Führers, ein Psychopath, wurde durch eine charakteropathische Persönlichkeit geebnet. Wir werden etwas später bei unseren Ausführungen auf diese psychopathische Persönlichkeitsfolge zurückkommen, da dies offenbar eine allgemeine Regelmäßigkeit bei ponerogenischen Prozessen ist. Eine ponerologische Annäherung erleichtert unser Verständnis über einen Menschen, der dem Einfluss einer charakteropathischen Persönlichkeit unterliegt, wie auch das Verständnis eines makrosozialen Phänomens, das durch die Wirkung solcher Faktoren verursacht wird. Unglücklicherweise kann nur relativ wenigen dieser Menschen durch eine angemessene Psychotherapie geholfen werden. Solche Verhaltensweisen können nicht Nationen zugeschrieben werden, die stolz ihre Souveränität ohne extreme Reaktionen verteidigen. Wir können jedoch eine Lösung solcher Probleme mittels des richtigen Wissens als Vision für die Zukunft betrachten. ~~~
Äußerungen solcher Art erzeugen Aversionen unter kultivierten und logischen Menschen, die in der Folge dazu tendieren, paranoide Menschen zu meiden. Die Macht des Paranoiden liegt jedoch in der Tatsache, dass sie leicht weniger kritische Geister versklaven können, d.h. Menschen mit anderen psychologischen Mängeln, die bereits Opfer von egotistischen Einflüssen durch Menschen mit Charakterstörungen waren, und ganz besonders ein großer Teil der Jugend. Ein Proletarier mag diese Macht zur Versklavung als eine Art Sieg über höherrangige Menschen einschätzen und sich aus diesem Grund auf die Seite des Paranoiden stellen. Dies ist jedoch nicht die übliche Reaktion der normalen Menschen, deren Wahrnehmung der psychologischen Realität nicht unter jener von Intellektuellen liegt. Im Gesamten ist demnach die Reaktion einer Akzeptanz paranoider Argumentation qualitativ häufiger in umgekehrter Proportion zur Zivilisationsstufe der betreffenden Gesellschaft, obgleich sie niemals die Mehrheit erreicht. Nichtsdestotrotz sind sich paranoide Menschen ihres versklavenden Einflusses bewusst, durch Erfahrung und durch ihre Versuche, daraus auf pathologisch egotistische Weise einen Vorteil zu ziehen. Wir wissen heute, dass der psychologische Mechanismus des paranoiden Phänomens ein zweifacher ist: Zum einen wird er durch Schäden im Gehirngewebe verursacht, zum anderen ist er funktional oder liegt im Verhalten. Innerhalb des zuvor erwähnten Prozesses der Wiederherstellung verursacht jegliche Hirnverletzung ein gewisses Maß an Abschwächung akkuraten Denkens und in der Folge eine Schwächung der Persönlichkeitsstruktur. Besonders typisch sind Fälle, die durch eine Aggression im Diencephalon (Zwischenhirn)5 durch verschiedenste pathologische Faktoren entstehen und eine permanente Einschränkung tonaler Fähigkeiten zur Folge haben, wie auch gleichermaßen der Tonizität der Inhibition im Kortex. Besonders während schlafloser Nächte lassen unkontrollierte Gedanken eine paranoide Veränderung der Sichtweise auf die menschliche Realität entstehen, wie auch Ideen, die entweder leicht naiv oder stark revolutionär sein können. Wir wollen diese Ausformung als paranoide Charakteropathie bezeichnen. Bei Menschen, die frei von Gehirnläsionen sind, entstehen solche Phänomene häufig als Resultat einer Erziehung durch paranoide Charakteropathen, gemeinsam mit dem psychologischen Schrecken ihrer Kindheit. Eine solche psychologische Basis wird dann assimiliert und schafft so die rigiden Stereotypen abnormaler Erfahrungen. Dies macht es für das Denken und die Weltsicht schwierig, sich normal zu entwickeln, und vom Schrecken blockierte Inhalte werden zu permanenten, funktionalen und kongestiven Zentren transformiert. Iwan Pawlow verstand alle Arten von paranoiden Zuständen auf eine Weise, die ähnlich seinem Funktionsmodell war, ohne sich jedoch dieser grundlegenden und primären Ursache bewusst gewesen zu sein. Er konnte trotzdem eine lebendige Beschreibung paranoider Charaktere liefern, wie auch der oben erwähnten Leichtigkeit, mit der sich paranoide Menschen plötzlich von Sachlichkeit und korrekten Gedankengängen verabschieden. Jene Leser seiner Arbeit über dieses Thema, die über die Zustände in der ehemaligen Sowjetunion ausreichend informiert sind, können eine weitere historische Bedeutung aus seinem kleinen Buch ableiten. Seine Absicht war offenkundig. Pawlow widmete seine Arbeit, natürlich ohne jeglichen Hinweis, der Leitfigur paranoider Persönlichkeiten: Dem revolutionären Führer Lenin, mit dem der Wissenschafter gut bekannt war. Als guter Psychologe konnte Pawlow vorhersehen, dass er nicht zum Gegenstand seiner Rache werden würde, da der paranoide Geist egozentrische Assoziationen in diesem Fall nicht zulassen würde. So war er in der Lage, eines natürlichen Todes sterben zu können. Nichtsdestotrotz sollte Lenin zur ersten und charakteristischsten Art paranoider Persönlichkeiten hinzugezählt werden, höchstwahrscheinlich aufgrund eines Schadens im Diencephalon. Wassily 6 beschreibt Lenin wie folgt:
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Eine Schädigung dieses Bereichs tritt eher häufig auf: Bei der Geburt, kurz davor oder kurz danach, besonders bei Frühgeburten, und auch später im Leben, durch verschiedene Gründe verursacht. Die Anzahl solch perinataler Hirnverletzungen konnte mittels einer verbesserten medizinischen Versorgung schwangerer Frauen und Neugeborener beträchtlich gesenkt werden. Die spektakuläre ponerogenische Rolle, die aus Charakterstörungen resultiert, die durch diesen Umstand verursacht wurden, kann als charakteristisch für vergangene Generationen und primitive Kulturen angesehen werden. Wenn der Kortex in diesen Bereichen geschädigt ist, vermindert dies selektiv die oben erwähnten Funktionen, ohne dabei das Gedächtnis und die assoziativen Fähigkeiten zu beeinträchtigen. Im Besonderen werden dabei auch nicht solch instinktbasierende Gefühle und Funktionen wie zum Beispiel die Fähigkeit, eine psychologische Situation intuitiv einzuschätzen, eingeschränkt. Die allgemeine Intelligenz eines Menschen ist somit kaum betroffen. Kinder, die einen solchen Defekt aufweisen, sind fast normale Schüler. Schwierigkeiten entstehen plötzlich in höheren Schulstufen; sie betreffen prinzipiell jene Bereiche im Lehrplan, welche die erwähnten Funktionen beanspruchen. Der pathologische Charakter solcher Menschen, der üblicherweise eine hysterische Komponente enthält, entwickelt sich über die Jahre. Die nicht beeinträchtigten psychologischen Funktionen werden als Kompensation überentwickelt, was bedeutet, dass instinktive und affektive Reaktionen vorherrschen. Relativ vitale Menschen werden angriffslustig, risikofreudig und brutal, sowohl in Worten als auch in Taten. Menschen mit einem angeborenen Talent psychologische Situationen intuitiv einzuschätzen, neigen dazu, aus dieser Gabe auf egotistische und rücksichtslose Weise Vorteile zu ziehen. Im Denkprozess solcher Leute entwickelt sich eine Abkürzung, die die eingeschränkte Funktion umgeht und so von den Assoziationen direkt zu Worten, Taten und Entscheidungen führt, die keiner kritischen Betrachtung unterzogen werden. Diese Menschen interpretieren ihr Talent, Situationen intuitiv einschätzen und in Sekundenschnelle übervereinfachte Entscheidungen treffen zu können, als Überlegenheit gegenüber normalen Menschen, die lange nachdenken müssen und Selbstzweifel sowie zwiespältige Motivationen erfahren. Das Schicksal solcher Geschöpfe verdient es nicht, lange betrachtet zu werden. Solche „stalinistischen Charaktere“ traumatisieren und fesseln aktiv andere Menschen und sie haben es durch ihre Beeinflussung außergewöhnlich leicht, der Kontrolle des gesunden Menschenverstandes zu entkommen. Ein großer Teil der Menschen neigt dazu, solchen Leuten mit besonderen Fähigkeiten zu vertrauen. Dadurch erliegen sie ihren egotistischen Glaubenssätzen. Wenn ein Elternteil einen solchen Defekt aufweist, dann weisen alle Kinder in der Familie, wie klein dieser Mangel auch sein mag, eine entsprechende Anomalie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auf. Der Autor studierte eine ganze Familiengeneration von älteren, gebildeten Menschen, bei der dieser Einfluss von der ältesten Schwester ausging, die unter einer vorgeburtlichen Störung in den frontalen Hirnzentren litt. Ihre vier Brüder waren der Schwester seit frühester Kindheit ausgesetzt und nahmen so pathologisch verändertes Material auf, einschließlich der immer stärker werdenden Komponente ihrer Hysterie. Sie hielten bis ins Alter an den Persönlichkeitsverformungen und der deformierten Weltsicht, wie auch an den dadurch verursachten hysterischen Eigenschaften fest, deren Intensität je nach Altersunterschied abnahm. Durch die unterbewusste Auswahl von Informationen war es für die Brüder unmöglich, jeglichen kritischen Kommentar über den Charakter ihrer Schwester zu verstehen. Darüber hinaus nahmen sie jede Bemerkung solcher Art als Angriff auf die Familienehre wahr. Die Brüder akzeptierten die pathologischen Wahnvorstellungen der Schwester als real, wie auch die Klagen über ihren „bösen“ Ehemann (obwohl dieser in Wirklichkeit ein anständiger Mann war) und ihren Sohn, der für sie ein Sündenbock war, an dem sie sich für ihr Versagen rächen konnte. Sie nahmen somit an einer Welt von rachsüchtigen Emotionen teil und betrachteten ihre Schwester als völlig normal, die sie, auch wenn die Schwester Anzeichen von Abnormität zeigte, wenn es nötig war auch mit widerwärtigsten Methoden verteidigen mussten. Sie waren der Meinung, dass normale Frauen geistlos und naiv und nur für eine sexuelle Eroberung gut seien. Keiner der Brüder gründete je eine gesunde Familie oder entwickelte eine seinem Alter angemessene Lebensweisheit. Die Charakterentwicklung dieser Familie beinhaltete auch viele weitere Faktoren, die von der Zeit und vom Ort abhängig waren, wo sie großgezogen wurden: die Jahrhundertwende (19. auf 20. Jh.), ein patriotischer polnischer Vater und eine deutsche Mutter, die die Regeln der damaligen Zeit befolgte, indem sie formal die Nationalität ihres Mannes akzeptierte, jedoch weiterhin eine Fürsprecherin des Militarismus und der allgemeinen Akzeptanz der intensivierten Hysterie war, die damals Europa überzogen hatte. Es war das Europa der drei Kaiser: Die Pracht dreier Menschen mit eingeschränkter Intelligenz, von denen zwei pathologische Züge aufwiesen. Das Konzept der „Ehre“ heiligte den Triumph. Jemandem zu lange ins Gesicht zu schauen konnte schon ausreichen, zu einem Duell aufgefordert zu werden. Die Brüder wurden also zu tapferen Duellanten mit Säbelnarben erzogen; die Schläge, die sie ihren Gegnern zugefügt haben, waren jedoch häufiger und weit schlimmer. Wenn Menschen mit einer humanistischen Bildung die Persönlichkeiten dieser Familie betrachten, schließen sie daraus, dass die Gründe für die Bildung solcher Merkmale in der damaligen Zeit und deren Gebräuchen zu suchen seien. Wenn jedoch die Schwester nicht unter einer Schädigung ihres Gehirns gelitten hätte und dieser pathologische Faktor nicht vorhanden gewesen wäre (eine ausschließende Hypothese), hätten sich ihre Persönlichkeiten sogar während der damaligen Zeit auf normalere Weisen entwickelt. Sie wären zu kritischeren und den Werten gesunder Vernunft und des Humanismus zugänglicheren Menschen geworden. Sie hätten bessere Familien gegründet und sensiblere Ratschläge von klüger ausgewählten Ehefrauen erhalten. Und das Böse, das sie in ihren Leben zu freizügig gesät haben, wäre entweder gar nicht vorhanden, oder wäre zumindest auf ein solch kleines Maß reduziert, das von entfernteren pathologischen Faktoren konditioniert worden wäre. Vergleichende Betrachtungen führten den Autor auch zum Ergebnis, dass Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili, auch als Stalin bekannt, in die Liste dieser speziellen ponerogenischen Charakteropathie aufgenommen werden sollte. Die ponerogenische Charakteropathie entwickelte sich im Hintergrund einer perinatalen Verletzung seiner präfrontalen Hirnrinde. Literatur und Nachrichten über ihn strotzen nur so von Indikationen: brutal, charismatisch, betörend; treffen von unabänderlichen Entscheidungen; unmenschlich rücksichtslos, pathologische Rachsucht, die auf jeden gerichtet war, der sich ihm in den Weg stellte; ein egotistischer Glaube an sein eigenes Genie, obwohl sein Geist tatsächlich nur durchschnittlich ausgeprägt war. Dieser Zustand erklärt sehr gut seine psychologische Abhängigkeit von einem Psychopathen wie Beria8. Einige Fotos zeigen eindeutig eine typische Deformation seiner Stirn, die bei Menschen vorkommt, die unter einer wie oben erwähnten frühen Schädigung leiden. Seine typischen unabänderlichen Entscheidungen beschrieb seine Tochter wie folgt: ~~~
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Wir kennen die Auswirkungen, wenn er jemanden „aus seinem Herzen gestoßen hat“, wie es in der Geschichte der damaligen Zeit dokumentiert ist. Wenn wir über die Bandbreite des Bösen nachdenken, das mit Hilfe Stalins geschaffen wurde, dann sollten wir immer auch diese höchst ponerogenische Charakteropathie in Betracht ziehen und ihr das korrekte Maß an Verantwortung dafür beimessen. Unglücklicherweise ist dieser Bereich noch nicht ausreichend erforscht. Wir müssen dabei viele andere pathologische Abweichungen beachten, da diese bei diesem makrosozialen Phänomen eine entscheidende Rolle spielen. Ungeachtet der pathologischen Aspekte dieser Vorkommen öffnet deren eingeschränkte Interpretation durch historische und moralische Betrachtungen das Tor zu weiteren ponerogenischen Faktoren. Solche Schlussfolgerungen sollten demnach als nicht nur wissenschaftlich ungenügend, sondern auch als unmoralisch angesehen werden. ~~~
Zytostatika11, die zur Behandlung neoplastischer12 Krankheiten verwendet werden, greifen oft die phylogenetisch älteste Gehirnstruktur an, den Hauptträger unseres instinktiven Substrats und unserer grundlegenden Gefühle.13 Menschen, die mit solchen Medikamenten behandelt werden, neigen fortschreitend zu einem Verlust ihrer emotionalen Färbung und ihrer Fähigkeit, eine psychologische Situation intuitiv einschätzen zu können. Ihre intellektuellen Funktionen bleiben erhalten, doch sie werden zu lobheischenden Egozentrikern, die mit Leichtigkeit von Leuten dirigiert werden können, die wissen, wie man aus ihnen einen Vorteil ziehen kann. Sie werden gegenüber den Gefühlen anderer Menschen und dem Leid, das sie ihnen antun, gleichgültig. Jede Kritik an ihrer Person oder ihrem Verhalten wird mit Rache vergolten. Eine solche Veränderung des Charakters eines Menschen, der bis vor kurzem von seiner Umgebung oder seinem Freundeskreis respektiert wurde, was im menschlichen Geist beharrlich verankert bleibt, wird so zu einem pathologischen Phänomen, das oft tragische Folgen hat. Könnte dies im Fall des Schah von Persien ein Faktor gewesen sein? Auch hier ist eine Diagnose bereits verstorbener Menschen problematisch, auch hat der Autor nicht genügend Daten darüber zur Verfügung. Dies sollte jedoch als wahrscheinliche Möglichkeit akzeptiert werden. Die Entstehung der gegenwärtigen Tragödie in diesem Land enthält jedenfalls zweifellos pathologische Faktoren, deren aktive ponerologische Rolle eindeutig ist.14 Resultate, die diesem psychologischen Bild ähneln, können durch endogene Toxine15 oder Viren hervorgerufen werden. Wenn gelegentlich Mumps mit einer Gehirnreaktion einhergeht, dann hinterlässt es als Folge ein eigenartiges Gefühl von Flauheit oder Dumpfheit und eine leichte Abnahme der mentalen Leistungsfähigkeit. Ähnliches kommt auch bei schweren Diphtherieerkrankungen vor. Schließlich greift auch Kinderlähmung das Gehirn an, aber häufiger jedoch die höheren Bereiche des Vorderhorns (Rückenmark), die dadurch ebenfalls beeinträchtigt werden. Menschen mit einer Beinparese weisen solche Symptome selten auf, Menschen mit einer Genick- und/oder Schulterparese müssen sich jedoch glücklich schätzen, wenn bei ihnen solche Symptome nicht auftreten. Zusätzlich zu dieser affektiven Flauheit manifestieren diese Symptome üblicherweise auch Naivität und die Unfähigkeit, den Kern einer Sache zu verstehen. Wir bezweifeln, dass Präsident F.D. Roosevelt solche Symptome hatte, da das Poliovirus, das ihn mit vierzig Jahren attackierte, eine Parese seiner Beine verursachte. Nachdem er dies überwunden hatte, folgten Jahre kreativer Aktivitäten. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass sein naives Verhalten gegenüber der sowjetischen Vorgehensweise gegen Ende seiner Amtsperiode eine pathologische Komponente enthielt, die mit seiner sich verschlechternden Gesundheit im Zusammenhang stand. Charakteranomalien, die sich als Resultat von Verletzungen des Gehirngewebes entwickeln, sind heimtückische ponerogenische Faktoren. Als Ergebnis der zuvor beschriebenen Eigenschaften, besonders der erwähnten Naivität und der Unfähigkeit, den Kern einer Sache verstehen zu können, verankert sich ihr Einfluss leicht im menschlichen Geist, traumatisiert unsere Psyche, schwächt und deformiert unsere Gedanken und Gefühle und schränkt die Fähigkeiten eines Menschen und einer Gesellschaft ein, ihren gesunden Menschenverstand einzusetzen, wie auch eine psychologische oder moralische Situation richtig einzuschätzen. Dies öffnet dem Einfluss weiterer ponerogenische Faktoren Tür und Tor, die meist in vererbten psychologischen Abweichungen liegen. Diese drängen dann die charakteropathischen Menschen in den Schatten und führen auf diese Weise ihre ponerogenischen Aktivitäten weiter. Aus diesem Grund nehmen die verschiedenen Arten der Charakteropathie an den Anfängen der Entstehung des Bösen teil, sowohl auf makrosozialer Basis wie auch in den individuellen Bereichen menschlicher Familien. Ein zukünftig verbessertes soziales System sollte deshalb Menschen und Gesellschaften schützen, indem es Personen, die Symptome der oben angesprochenen Abweichungen oder bestimmte Charakteristika, die wir noch behandeln werden, aufweisen, daran hindert, an irgendwelchen gesellschaftlichen Funktionen teilzunehmen, bei denen das Schicksal anderer Menschen vom Verhalten der Ausübenden abhängt. Dies betrifft natürlich in erster Linie wichtige Regierungspositionen. Solche Fragen sollten von einer entsprechenden Institution abgehandelt werden, die sich aus Menschen zusammensetzt, die ihrem Ruf als Weise gerecht wurden und die eine entsprechende medizinische und psychologische Ausbildung vorweisen können. Die Auswirkungen von Schädigungen des Hirngewebes und die daraus resultierenden Charakterstörungen sind weitaus leichter zu identifizieren als ererbte Anomalien. Deshalb ist das Ersticken ponerogenischer Prozesse durch ein Entfernen solcher Faktoren aus dem Prozess der Synthese des Bösen während der frühen Phasen seiner Entstehung wirksam und in der Praxis viel leichter durchzuführen.
Vererbte Abweichungen
Daltonisten, Menschen mit einer rot-grün Farbenblindheit, dürfen mittlerweile keine Berufe ausüben, bei denen diese Beeinträchtigung zu einer Katastrophe führen könnte. Es ist ebenfalls bekannt, dass diese Abweichung häufig von einer Minderung des ästhetischen Empfindens, der Emotionen und einem Gefühl der Verbundenheit mit Menschen, die Farben normal sehen können, begleitet wird. Psychologen in der Industrie sind deshalb davor gewarnt, solchen Menschen einen Arbeitsbereich zuzutrauen, der einen autonomen Sinn für Verantwortlichkeit verlangt, wie beispielsweise die Arbeit im Bereich der Sicherheit von Arbeitern. Vor langer Zeit wurde entdeckt, dass diese beiden genannten Anomalien Hämophilie und Farbenblindheit durch ein Gen vererbt werden, das im X-Chromosom liegt und dem leicht über viele Generationen hindurch nachgespürt werden kann. Genetiker studierten gleichermaßen das Erbgut vieler anderer Eigenschaften des menschlichen Organismus, doch sie spendeten den Anomalien, die uns hier interessieren, kaum Aufmerksamkeit. Viele Eigenschaften des menschlichen Charakters haben eine ererbte Basis in Genen, die im selben X-Chromosom liegen, obgleich dies nicht Gesetz ist. Ein ähnlicher Zugang könnte auch auf die Mehrzahl der psychologischen Anomalien zutreffen, die wir nun ansprechen werden. Vor einiger Zeit machte man beträchtliche Fortschritte bei der Erkennung einer Reihe von chromosomalen Anomalien, die aus einer fehlerhaften Teilung der reproduktiven Zellen und ihrer phänotypischen psychologischen Symptome resultieren. Diese Situation ermöglicht uns, Studien über deren ponerogenetische Rolle anzustellen und zu Schlussfolgerungen zu gelangen, die theoretisch wertvoll sind, etwas, das eigentlich bereits getan wird. In der Praxis jedoch wird die Mehrzahl der chromosomalen Anomalien nicht auf die nächste Generation übertragen. Darüber hinaus machen ihre Träger nur einen kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung aus und ihre allgemeine Intelligenz ist geringer als der soziale Durchschnitt. Somit ist ihre ponerologische Bedeutung noch geringer als ihr statistischer Wert. Die meisten Probleme werden durch den XYY-Karotypus16 verursacht, der Menschen hervorbringt, die groß, stark, emotional gewalttätig sind und eine Tendenz besitzen, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Diese Tatsache führte zu Tests und Diskussionen, doch ihr Anteil am hier untersuchten Themenkomplex ist auch sehr gering. Viel zahlreicher sind jene psychologischen Abweichungen, die eine entsprechend größere Rolle als pathologische Faktoren im ponerogenischen Prozess spielen. Sie werden höchstwahrscheinlich über die normale Erbfolge übertragen. Doch besonders in diesem Komplex der Genetik bestehen mannigfaltige biologische und psychologische Schwierigkeiten, die bis zum Erkennen dieser Phänomene reichen. Menschen, die Psychopathologie studieren, benötigen Kriterien zur biologischen Abgrenzung ihrer Ergebnisse. Biologen hingegen benötigen eine klare psychologische Unterscheidung solcher Phänomene, was eine Untersuchung der Erbmechanismen und auch anderer Eigenschaften erlauben würde. Zur der Zeit, in den späten 1960er Jahren, als die meisten Beobachtungen gemacht wurden, auf welchen dieses Buch beruht, waren die Arbeiten vieler Wissenschafter, die seitdem Licht auf viele Aspekte der hier besprochenen Thematik geworfen haben, entweder noch nicht vorhanden oder für uns nicht verfügbar. Die Wissenschafter, die die im Folgenden beschriebenen Phänomene erforschten, bahnten sich ihren Weg durch ein Dickicht von Symptomen, auf Basis früherer Arbeiten und ihrer eigenen Bemühungen. Ein Verständnis der Essenz einiger dieser vererbbaren Anomalien und ihrer ponerogenischen Rolle erwies sich als eine unabdingbare Voraussetzung für das Erreichen des primären Ziels. Man erreichte Ergebnisse, die als Grundlage für weitere Schlussfolgerungen dienten. Um des gesamten Bildes willen, und auch weil die Art und Weise der Ausarbeitung gewisse theoretische Werte mit einbringt, entschied ich mich, die Methodologie der Beschreibungen solcher Anomalien, die aus meiner eigenen Arbeit und der Arbeit anderer zu jener Zeit entstanden ist, beizubehalten. Während jener fruchtbaren Zeit konnten zahlreiche Wissenschafter, wie auch manche ihrer Nachfolger, ein plastischeres Bild der Thematik zeichnen. (Wissenschafter wie R. Jenkins, H. Cleckley, S. K. Ehrlich, H. C. Hutchison, K. C. Kraupl, Taylor und andere). Dies waren Kliniker, die ihre Aufmerksamkeit auf die anschaulicheren Fälle lenkten, die im Prozess der Entstehung des Bösen eine weniger wichtigere Rolle spielen, entsprechend der oben erwähnten allgemeinen Regel der Ponerologie. Wir müssen aus diesem Grund jene analogen Zustände einer Unterscheidung unterziehen, die weniger intensiv sind oder weniger psychologische Defizite enthalten. Gleichermaßen sind Recherchen über die Natur des zur Diskussion stehenden Phänomens wertvoll, die eine Unterscheidung ihrer Essenzen und eine Analyse ihrer Anteile als pathologische Faktoren in der Entstehung des Bösen erleichtern. ~~~
Die Literatur ist voll von Beschreibungen verschiedener Arten dieser Anomalie, deren Existenz entweder auf Veränderungen im Erbgut oder auf nicht pathologische Unterschiede in anderen individuellen Eigenschaften zurückzuführen ist. Wir wollen deshalb die gemeinsamen Eigenschaften dieser Unterarten skizzieren. Die Träger einer solchen Anomalie sind überempfindlich und misstrauisch, während sie gleichzeitig den Gefühlen anderer Menschen nur sehr wenig Aufmerksamkeit schenken. Sie neigen dazu, extreme Positionen einzunehmen und sind eifrig darauf bedacht, sich auch für nur kleine Angriffe zu rächen. Zeitweilig sind sie exzentrisch und skurril. Ihre schlechte Einschätzung von psychologischen Situationen und der Realität führt sie zu irrigen, abwertenden Interpretationen über die Intentionen anderer Menschen. Sie verwickeln sich leicht in Aktivitäten, die auf den ersten Blick moralisch in Ordnung sind, jedoch in Wirklichkeit ihnen selbst und auch anderen Menschen Schäden zufügen. Ihre verarmte psychologische Weltsicht macht sie gegenüber der menschlichen Natur zu typischen Pessimisten. Wir finden in ihren Aussagen und Zeilen häufig Ausdrücke ihrer charakteristischen Gesinnung: „Der Mensch ist so schlecht, dass die Ordnung in der Gesellschaft nur über eine starke Hand aufrechterhalten werden kann, die aus höchst qualifizierten Menschen im Namen einer höheren Idee besteht.“ Bezeichnen wir diese typische Aussage als „schizoide Deklaration“. Die menschliche Natur neigt wirklich dazu, unartig zu sein, besonders wenn schizoide Menschen das Leben anderer Leute verbittern. Wenn solche Menschen jedoch in wirklichen Stress geraten, kollabieren sie aufgrund ihrer Schwächen sehr leicht. Ihre Fähigkeit zu denken wird daraufhin charakteristisch unterdrückt und häufig fällt der Schizoide in einen reaktiven psychotischen Zustand, ähnlich der Schizophrenie, woraus eine fehlerhafte Diagnose abgeleitet werden könnte. Die vielen Arten dieser Anomalie haben als Gemeinsamkeit eine dumpfe Blässe an Emotionen und das Fehlen eines Gefühls für psychologische Realitäten, was für die Grundintelligenz ein essentieller Bestandteil ist. Dies kann einer unvollständigen Qualität des instinktiven Substrats zugeschrieben werden, das so arbeitet, als ob sein Fundament auf Treibsand gebaut worden wäre. Der geringe emotionale Druck erlaubt ihnen, korrektes spekulatives Denken zu entwickeln, was bei Tätigkeiten nützlich ist, die nichts mit Menschen zu tun haben. Aufgrund ihrer Einseitigkeit neigen sie jedoch dazu, sich selbst den anderen, „gewöhnlichen“ Menschen gegenüber als intellektuell überlegen einzuschätzen. Die Häufigkeit des Auftretens einer solchen Anomalie ist von Rasse und Nation abhängig: bei Schwarzen tritt sie selten auf, bei Juden am meisten. Man nimmt an, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung eines Landes von einer vernachlässigbaren Größe bis hin zu 3% reicht. In Polen wird der Anteil auf 0,7% geschätzt. Meine eigenen Beobachtungen zeigen an, dass diese Anomalie autosomal vererbbar18 ist. Die ponerologische Aktivität eines schizoiden Menschen sollte aus zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Im Kleinen verursachen solche Menschen für ihre Familien Schwierigkeiten, sie können von cleveren und skrupellosen Zeitgenossen sehr leicht zu Werkzeugen von Intrige und Täuschung manipuliert werden, und sie erziehen im Allgemeinen ihre Kinder schlecht. Ihre Neigung, die menschliche Realität auf schulmeisterliche und simplifizierende Weisen zu betrachten, die sie als „richtig“ d.h. „schwarz oder weiß“ ansehen, transformiert ihre oft guten Absichten in schlechte Ergebnisse. Ihre ponerogenische Rolle kann jedoch auch makrosoziale Implikationen haben, wenn ihr Verhalten gegenüber der menschlichen Realität und ihre Tendenz, große Lehrsätze zu erfinden, zu Papier gebracht und in großen Auflagen vervielfältigt werden. Trotz ihrer typischen Mängel oder sogar einer offenen schizoiden Deklaration erkennen ihre Leser nicht, wie der Charakter des Urhebers wirklich ist. Indem sie dem wahren Zustand des Autors ignorant gegenüber stehen, neigen solch uninformierte Leser dazu, solche Werke auf eine ihrer eigenen Natur entsprechende Weise zu interpretieren. Der Verstand normaler Menschen tendiert in Richtung einer korrektiven Interpretation, da ihre eigene, reichere psychologische Weltsicht daran teilnimmt. Andererseits weisen viele andere Leser ein solches Werk kritisch und mit moralischem Abscheu von sich, ohne sich jedoch der eigentlichen Ursache dafür bewusst zu sein. Eine Analyse der Rolle der Arbeiten von Karl Marx zeigt deutlich alle oben erwähnten Arten der Wahrnehmung und die sozialen Reaktionen, die eine Feindseligkeit zwischen großen Menschengruppen hervorrufen. Wenn wir irgendwelche solcher verstörend entzweienden Arbeiten lesen, sollten wir sie sorgfältig nach den angesprochenen charakteristischen Mängeln oder sogar nach einer offen formulierten schizoiden Deklaration untersuchen. Diese Herangehensweise ermöglicht uns eine korrekte kritische Distanz von den Inhalten und erleichtert uns, die potentiell wertvollen Elemente von doktrinären Materialien zu unterscheiden. Wenn dieser Zugang von zwei oder mehreren Leuten gewählt wird, deren Interpretationen stark voneinander abweichen, werden ihre Methoden der Wahrnehmung nahe aneinander rücken und die Gründe für Meinungsverschiedenheiten werden verschwinden. Solch ein Projekt könnte der Versuch eines psychologischen Experimentes für eine korrekte mentale Hygiene sein. ~~~ Essentielle Psychopathie: Lassen sie mich nun im Rahmen der oben angestellten Annahmen eine weitere durch Vererbung übertragene Anomalie charakterisieren, deren Rolle in ponerogenischen Prozessen auf jeder sozialen Ebene außerordentlich groß ist. Wir sollten auch betonen, dass die Notwendigkeit einer Abgrenzung und einer detaillierten Untersuchung dieses Phänomens allen Wissenschaftern, einschließlich des Autors die an der Entstehung des Bösen auf makrosozialer Basis interessiert waren, schnell und tiefgreifend klar wurde, da sie es direkt am eigenen Leib erfuhren. Ich muss Kazimierz Dabrowski19 Recht geben, indem ich diese Anomalie als „essentielle Psychopathie“ bezeichne. Biologisch gesehen ist das Phänomen ähnlich der Farbenblindheit, außer dass es, anders als Farbenblindheit, beide Geschlechter betrifft und es ungefähr zehn Mal seltener auftritt (etwas über 0,5%)20. Seine Intensität variiert auch einer Bandbreite von für einen erfahrenen Beobachter kaum wahrnehmbar, bis hin zu einem offensichtlichen pathologischen Defizit. Wie die Farbenblindheit scheint diese Anomalie einen Mangel in der Umwandlung einer Stimulans darzustellen, obwohl sie nicht auf der sensorischen, sondern auf der instinktiven Ebene auftritt.21 Psychiater der alten Schule bezeichneten solche Menschen gewöhnlich als „Leute, die menschlichen Gefühlen und sozio-moralischen Werten gegenüber farbenblind sind.“ Das psychologische Bild zeigt ein eindeutiges Defizit nur bei Männern; bei Frauen ist dies im Normalfall durch die Wirkung eines zweiten Allels etwas abgeschwächt. Dies deutet an, dass diese Anomalie auch über das X-Chromosom vererbt wird, doch über ein teildominantes Gen. Der Autor war allerdings nicht in der Lage dies zu bestätigen, indem er eine Vererbung vom Vater zum Sohn ausschloss. Eine Analyse der verschiedenen experimentellen Verhaltensweisen, die von solchen Menschen ausgelebt wurde, ließ uns zur Schlussfolgerung kommen, dass ihr instinktives Substrat ebenfalls defekt ist, bestimmte Lücken aufweist und natürliche, abgestimmte Reaktionen vermissen lässt, die im Normalfall bei Mitgliedern der Spezies Homo Sapiens22 nachgewiesen werden können. Der Instinkt ist unser erster Lehrer; er bleibt unser ganzes Leben lang bei uns. Auf diesem defektiven instinktiven Substrat entwickeln sich, korrespondierend zu den Lücken, die Mängel an höheren Gefühlen, wie auch die Verformungen und Verarmungen der psychologischen, moralischen und sozialen Konzepte. Unsere natürliche Konzeptwelt basierend auf dem Instinkt unserer Art, wie in einem früheren Kapitel beschrieben trifft den Psychopathen wie eine nahezu unverständliche Abmachung, die in seiner psychologischen Erfahrung keinerlei Rechtfertigung hat. Er denkt, dass Gewohnheiten und Prinzipien von Anstand eine fremde Übereinkunft sind, die dumm, lästig und manchmal auch lächerlich sind und von irgendjemandem („wahrscheinlich von Priestern“) erfunden und aufgenötigt werden. Gleichzeitig nimmt er jedoch mit Leichtigkeit die Mängel und Schwächen unserer natürlichen Sprache der psychologischen und moralischen Konzepte auf eine Weise wahr, die ein wenig an das Verhalten eines Psychologen erinnert Karikaturen ausgenommen. Die durchschnittliche Intelligenz des Psychopathen, besonders wenn sie mittels gemeinhin akzeptierter Tests gemessen wird, ist etwas niedriger als die normaler Menschen, obgleich sie ähnlich variiert. Trotz der breiten Variationen der Intelligenzen und Interessen finden sich unter dieser Gruppe keine Beispiele höchster Intelligenz, und auch keine technischen oder handwerklichen Talente. Die begabtesten Mitglieder dieser Gruppe können aus diesem Grund Fähigkeiten in jenen Wissenschaften erreichen, die keine korrekte humanistische Weltsicht oder praktisches Können erfordern. (Akademischer Anstand ist wiederum eine andere Sache.) Wann immer wir spezielle Tests zu konstruieren versuchen, um unsere „Lebensweisheit“ oder „sozio-moralische Vorstellungskraft“ zu messen, weisen Menschen dieses Typus, auch wenn dabei die Schwierigkeiten psychometrischer Evaluation beachtet werden, ein Defizit auf, dass ihrem Intelligenzquotienten gegenüber überproportional ausgeprägt ist. Trotz ihrer Mängel an normalem und psychologischem Wissen entwickeln sie ein ihnen eigenes Wissen, das sie danach zu ihrer Verfügung haben, etwas, das Menschen mit einer natürlichen Weltsicht nicht besitzen. Sie lernen bereits in der Kindheit, sich gegenseitig in einer Menschenmenge zu erkennen und sie entwickeln ein Bewusstsein von der Existenz ähnlich gelagerter Menschen. Sie sind sich auch darüber im Klaren, dass sie anders als die Menschen rund um sie herum sind. Sie betrachten uns aus einer gewissen Distanz, wie eine para-spezifische Eigentümlichkeit. Natürliche menschliche Reaktionen die oft nicht das Interesse normaler Menschen erwecken, da sie ihnen naheliegend erscheinen kommen dem Psychopathen seltsam, interessant und sogar komisch vor. Aus diesem Grund beobachten sie uns, ziehen aus uns ihre Schlüsse und bilden ihre unterschiedlichen Konzeptwelten. Sie werden zu Experten unserer Schwächen und sind manchmal für herzlose Experimente verantwortlich. Das Leid und die Ungerechtigkeit, die von ihnen verursacht werden, lassen in ihnen kein Gefühl von Schuld entstehen, da solche Reaktionen bei anderen Menschen einfach als Ergebnis ihrer Andersartigkeit angesehen werden und nur zu „jenen anderen Menschen“ passen, die sie als nicht wirklich zu ihnen gehörig betrachten. Weder ein normaler Mensch noch unsere natürliche Weltsicht kann das Vorhandensein dieser Welt aus völlig unterschiedlichen Konzepten zur Gänze verstehen, und auch nicht richtig einschätzen. Wenn sich jemand intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt, kann er durch Langzeitstudien der Persönlichkeit dieser Leute die andersartige Kenntnis des Psychopathen erahnen und sie mit einigen Schwierigkeiten nutzen, wie eine fremde Sprache. Wie wir in der Folge sehen werden, sind solche praktischen Fähigkeiten in Ländern weit verbreitet, die unter diesem makrosozialen pathologischen Phänomen leiden, bei dem diese Anomalie den Anstoß gibt. Ein normaler Mensch kann lernen, durchaus kompetent ihre Konzeptsprache zu sprechen, doch der Psychopath ist niemals in der Lage die Weltsicht eines normalen Menschen aufzunehmen, obwohl er es oft sein ganzes Leben lang versucht. Das Ergebnis seiner Bemühung ist nur ein Schauspiel und eine Maske, hinter welchen er seine abweichende Realität verbirgt. Ein weiterer Mythos und eine Rolle, die sie häufig ausleben ist der brillante Verstand oder das psychologische Genie des Psychopathen, obgleich dies ein Quäntchen Wahrheit in Bezug auf das „spezielle psychologische Wissen“ beinhaltet, das der Psychopath über die normalen Menschen erlangt. Manche von ihnen glauben wirklich daran und versuchen diesen Glauben anderen einzuflüstern. Wenn wir über diese Maske aus psychologischer Normalität reden, die von solchen Menschen getragen wird (und in geringerem Ausmaß von ähnlichen Abweichungen), dann sollten wir das Buch The Mask of Sanity (Die Maske der Vernunft) von Hervey Cleckley erwähnen, der genau dieses Phänomen ins Zentrum seiner Betrachtungen stellte. Ein Auszug (Das Buch ist nicht auf deutsch erhältlich):
Seine Bewusstheit über das Gegenteil von Heuchelei ist so unwirklich theoretisch, dass es bedenklich wird, wenn wir das, was wir als Heuchelei verstehen, einem Psychopathen zuschreiben. Nachdem er selbst keine wirklichen Werte besitzt, kann man ihm dann wirklich ein angemessenes Realisieren der Natur und Qualität der Schandtaten zuschreiben, die sein Verhalten unter anderen Menschen erzeugen? Einem kleinen Kind, das keine eingeprägte Erinnerung an starke Schmerzen hat, wird von seiner Mutter erzählt, dass es falsch ist, einem Hund den Schwanz abzuschneiden. Im Wissen, dass das falsch ist, macht es trotzdem weiter. Wir müssen es nicht völlig von seiner Verantwortung freisprechen, auch wenn wir annehmen, dass es im Vergleich zu einem Erwachsenen mit einem klaren Verständnis von körperlicher Pein weniger verstanden hat, was es getan hat. Kann ein Mensch die tieferen Ebenen von Leid erfahren, ohne dabei zu wissen, was Glück bedeutet? Kann er mit vollem Bewusstsein eine böse Tat begehen, wenn er sich nicht des Gegenteils des Bösen wirklich bewusst ist? Auf diese Frage kann ich keine lösende Antwort geben.23
Ein neurotischer Patient ist im Allgemeinen schweigsam und hat Schwierigkeiten zu erklären, was ihn am meisten schmerzt. Ein Psychologe muss diese Schwierigkeiten mithilfe schmerzfreier Eingriffe überwinden. Neurotiker neigen zu starken Schuldgefühlen wegen Handlungen, die von den Betroffenen im Allgemeinen sofort vergeben werden. Solche Patienten sind zu ehrlicher und dauerhafter Liebe fähig, obwohl sie Probleme haben dies zu zeigen oder ihre Träume zu verwirklichen. Das Verhalten eines Psychopathen stellt das genaue Gegenteil dieser Ausformungen und Schwierigkeiten dar. Unser erster Kontakt mit dem Psychopathen ist durch einen Redefluss gekennzeichnet, der mit Leichtigkeit fließt und wirklich wichtige Themen mit derselben Leichtigkeit nicht berührt, wenn diese für ihn unangenehm sind. Seine Gedankengänge vermeiden auch die abstrakte Angelegenheit der menschlichen Gefühle und Werte, die in seiner psychopathischen Weltsicht fehlen, außer natürlich er ist vorsätzlich täuschend. In diesem Fall wird er viele „Gefühlsworte“ benutzen, die einem sorgfältig prüfenden Blick entlarven, dass er die benutzten Worte nicht so versteht wie ein normaler Mensch. Wir spüren, dass wir es mit einer Imitation von Gedankenmustern normaler Menschen zu tun haben, bei der in Wirklichkeit etwas anderes „normal“ ist. Aus logischen Überlegungen heraus ist der Gedankenfluss vorgeblich korrekt, wenn er sich auch unter Umständen außerhalb allgemein akzeptierter Argumentationen bewegt. Eine genauere formale Analyse beweist uns jedoch, dass dabei viele suggestive Paralogismen verwendet werden.25 Menschen mit einer solchen essentiellen Psychopathie sind die dauerhaften Gefühle der Liebe zu anderen Personen, besonders zum Ehepartner, praktisch unbekannt. Sie reimen sich aus dieser „anderen menschlichen Welt“ ein Märchen zusammen. Liebe ist für den Psychopathen eine flüchtige Erscheinung, die auf sexuelle Abenteuer abzielt. Viele psychopathische Don Juans spielen die Rolle des Liebenden für ihre Partner so gut, dass diese ihnen dies blauäugig abnehmen. Nach der Hochzeit werden Gefühle, die in Wahrheit nie existierten, durch Egoismus26, Egotismus27 und Hedonismus28 ersetzt. Eine Religion, die Nächstenliebe lehrt, berührt sie wie ein gleichartiges Märchen, dass nur für Kinder und eben diese „Anderen“ gut ist. Man könnte erwarten, dass sie sich als Konsequenz ihrer vielen antisozialen Handlungen schuldig fühlen, ihr Fehlen an Schuld ist jedoch das Resultat all ihrer Defizite, die wir hier besprochen haben.29 Die Welt der normalen Menschen, die sie verletzen, ist für sie unverständlich und feindlich. Das Leben des Psychopathen besteht aus dem Streben nach unmittelbaren Reizen, nach Momenten der Freude und nach vorübergehenden Machtgefühlen. Auf ihrem Weg müssen sie oft Niederlagen einstecken und sind auch mit dem Druck und der moralischen Verurteilung der Gesellschaft jener anderen unverständlichen Menschen konfrontiert. In ihrem Buch Psychopathy and Delinquency (Psychopathie und Kriminalität) schreiben W. und J. Cord über den Psychopathen folgendes:
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Wir begegnen auch Menschen, die die Tendenz aufweisen sich auf eine Weise zu verhalten, die anderen Menschen Schaden zufügt, Menschen, die bei Tests keine Hirnanomalien aufweisen und deren Anamnese keinen Missbrauch in der Kindheit aufzeigt, der ihren Zustand erklären könnte. Das Faktum, dass solche Fälle wiederholt innerhalb einzelner Familien auftreten könnte anzeigen, dass es eine erbliche Vorbelastung gibt. Wir müssen jedoch ebenfalls die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass in solchen Fällen die schädigenden Einflüsse bereits auf den Fötus wirken. Dies ist ein Bereich in Medizin und Psychologie, der ein tieferes Studium verlangt, da wir hier noch viel zu wenig wissen. Solche Menschen sind auch bemüht, ihre unterschiedliche Erfahrungswelt vor anderen Menschen zu verbergen und ihre Rolle als normale Menschen in verschiedenstem Ausmaß zu spielen, obgleich diese Form der „Maskierung“ nicht mehr als die charakteristische „Maske“ bezeichnet werden kann, wie sie Cleckley beschreibt. Manche von ihnen werden aufgrund ihrer Fremdartigkeit geschätzt. Diese Leute sind an der Entstehung des Bösen auf sehr verschiedene Weisen beteiligt, ob sie nun für alle sichtbar ihren Part übernehmen, oder ob sie, was seltener ist, ihren Anteil leisten wenn sie ihren richtigen Lebensstil eingerichtet haben. Solch psychopathische und ähnliche Erscheinungen können, quantitativ gesprochen, mit der zwei bis dreifachen Menge im Vergleich zu Fällen essentieller Psychopathie angenommen werden. In Summe sind es also weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Diese Art Mensch hat es leichter, sich ins soziale Leben einzugliedern. In selteneren Fällen passen sich diese Leute speziell an die Anforderungen der Gesellschaft der normalen Menschen an und ziehen ihre Vorteile aus dem gesellschaftlichen Kunstverständnis oder anderen Feldern mit ähnlicher Tradition. Ihre literarische Kreativität ist oft verstörend, wenn sie rein aus ideellen Gesichtspunkten betrachtet wird. Sie geben ihren Lesern zu verstehen, dass ihre Konzept- und Erfahrungswelt selbstverständlich ist. Ihre Arbeiten enthalten ebenfalls charakteristische Deformationen.31 Die häufigste und am längsten bekannte Ausformung ist der asthenische Psychopath. Sie kommt in jeder möglichen Intensität vor, von kaum wahrnehmbar bis hin zu einem offensichtlichen pathologischen Defizit. Diese asthenischen und überempfindlichen Menschen weisen nicht das gleiche eklatante Defizit in moralischen Gefühlen und ihrer Fähigkeit auf, eine psychologische Situation einzuschätzen, wie es bei essentiellen Psychopathen der Fall ist. Solche Menschen sind auf eine Weise idealistisch und neigen als Resultat ihres defekten Verhaltens zu oberflächlichen Gewissensbissen. Sie weisen im Durchschnitt eine geringere Intelligenz als normale Menschen auf und ihr Verstand vermeidet konsequente und präzise Schlussfolgerungen. Ihre psychologische Weltsicht ist eindeutig verfälscht und deshalb kann ihren Meinungen über andere Menschen niemals vertraut werden. Eine Art Maske verhüllt die Welt ihrer persönlichen Hoffnungen, die anders gelagert sind als das, wozu sie in Wirklichkeit in der Lage sind. Sie verhalten sich gegenüber Menschen, die ihre Defizite nicht entdecken, höflich, wenn nicht sogar freundlich. Dieselben Menschen entwickeln jedoch gegenüber psychologisch talentierten Menschen oder Kennern, die sie durchschauen, eine präventive Feindseligkeit und Aggressionen. Der asthenische Psychopath führt ein relativ ruhiges Sexualleben und ist deshalb auch dem Zölibat zugänglich. Aus diesem Grund weisen häufig katholische Mönche und Priester geringere oder kleine Ausformungen dieser Anomalie auf. Solche Menschen haben sehr wahrscheinlich die anti-psychologische Tradition in der kirchlichen Denkweise inspiriert. Je schwerer die Fälle werden, desto brutaler antipsychologisch und verachtender werden sie in ihrem Verhalten gegenüber normalen Menschen. Sie neigen dann zu einer aktiven Beteiligung an den Prozessen der Entstehung des Bösen auf größerer Basis. Ihre Träume bestehen aus einem bestimmten Idealismus, ähnlich den Gedanken normaler Menschen. Sie würden die Welt gerne nach ihren Vorlieben reformieren, doch sie sind unfähig, weiter reichende Implikationen und Resultate abzusehen. Ihre Visionen, gewürzt mit Abweichungen, können naive Rebellen oder Leute, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist, beeinflussen. Eine vorhandene soziale Ungerechtigkeit kann wie eine Rechtfertigung einer radikalen Weltsicht und der Berechtigung einer Einverleibung solcher Visionen aussehen. Im Folgenden ist ein Beispiel für das Gedankenmuster eines Menschen dargestellt, der einen typischen und schweren Fall von asthenischer Psychopathie aufweist:
Diese Zeile hat Felix Dserschinskij, ein Nachfahre polnischer Landadeliger, am 15. Dezember 1913 im Gefängnis geschrieben. Er gründete in der Sowjetunion bald darauf die Tscherewitschaja, die „Tscheka“32, und wurde zum größten Idealisten all dieser berühmten Mörder. Psychopathen gibt es in allen Ländern.33 Falls jemals die Zeit kommt, in der sich die „Umstände verändern werden“ und „die Vorherrschaft des Bösen vergehen wird“, dann nur weil im Studium pathologischer Phänomene und ihrer ponerogenischen Rolle Fortschritte erzielt werden, die es den Gesellschaften ermöglichen könnten, ruhig die Existenz solcher Phänomene zu akzeptieren und sie als natürliche Kategorien zu verstehen. Die Vision einer neuen, einfachen Gesellschaftsstruktur kann dann innerhalb dieses Rahmens und unter der Kontrolle normaler Menschen verwirklicht werden. Nachdem wir uns mit der Tatsache vertraut gemacht haben, dass solche Menschen anders sind und dass sie ein eingeschränktes soziales Anpassungsvermögen besitzen, sollten wir ein System einrichten, dass diesen Leuten innerhalb des Verständnisses von Vernunft und korrekter Schlussfolgerung permanenten Schutz gewährt, ein System, dass ihnen die Verwirklichung ihrer Träume teilweise ermöglicht. Zu diesem Zweck sollten wir unsere Aufmerksamkeit auch auf Menschen mit abweichenden Charakterzügen lenken. Diese wurden vor relativ langer Zeit von Edward Brzezicki34 erkannt und von Ernst 35 als besonders für Osteuropa charakteristisch akzeptiert. Skirtoide36 sind vitale, egotistische Menschen mit einer dicken Haut, die aufgrund ihrer Ausdauer und ihres psychologischen Widerstandes gute Soldaten abgeben. In Zeiten des Friedens sind sie jedoch unfähig, die subtilen Angelegenheiten des Lebens zu verstehen oder ihre Kinder umsichtig zu erziehen. Sie fühlen sich in primitiver Umgebung wohl, ein angenehmes Umfeld erzeugt in ihnen leicht Hysterie. Sie sind in ihrer Einstellung stark konservativ und unterstützen Regierungen, die mit starker Hand regieren. Kretschmer war der Meinung, dass diese Anomalie eine biodynamische Erscheinung sei, die durch die Kreuzung von zwei völlig verschiedenen ethnischen Gruppen entstand, was in dieser Region Europas häufig der Fall war. Wenn dem so ist, müsste Nordamerika von Skirtoiden bevölkert sein, eine Hypothese die eine genauere Betrachtung verdient. Wir können annehmen, dass Skirtoidismus auf normalem Weg vererbt wird; nicht geschlechtsbezogen. Wenn wir die Geschichte Russlands, wie auch in geringerem Ausmaß die Geschichte Polens, betrachten wollen, sollten wir diese Anomalie in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Die nächste interessante Frage stellt sich von selbst: Welche Art Menschen sind die sogenannten „Schakale“, die als professionelle und gnadenlose Killer von unterschiedlichsten Gruppen angeheuert werden und die schnell und ohne zu überlegen Waffen als politisches Mittel in die Hand nehmen? Sie bieten sich als Spezialisten an, die jede Arbeit akzeptieren. Ihre inferioren Pläne werden nicht durch menschliche Gefühle gestört. Sie sind mit größter Sicherheit keine normalen Menschen, doch keine der bislang beschriebenen Abweichungen treffen auf sie zu. Es ist Gesetz, dass essentielle Psychopathen redselig sind und unfähig, solch sorgfältig geplante Aktivitäten durchzuführen. Vielleicht sollten wir annehmen, dass diese Art ein Produkt einer Kreuzung zwischen geringeren Ausformungen der verschiedenen Abweichungen ist. Auch wenn wir die statistische Wahrscheinlichkeit des Auftauchens solcher Hybride akzeptieren und die quantitativen Daten in Betracht ziehen, so ist es doch ein extrem seltenes Phänomen. Die Psychologie der Partnerwahl schafft jedoch Paarungen, die bilateral die verschiedenen Abweichungen darstellen. Deshalb müssten Menschen mit zwei oder sogar drei kleineren abweichenden Faktoren häufiger anzutreffen sein. Man könnte sich sodann einen Schakal als einen Träger schizoider Charakterzüge in Kombination mit anderen psychopathischen Formen z.B. essentielle Psychopathie oder Skirtoidismus vorstellen. Häufigere Vorkommen solcher Hybride machen einen großen Teil des gesellschaftlichen Pools an vererbten pathologischen ponerogenischen Faktoren aus. ~~~
Ich möchte jenen Lesern eine Warnung aussprechen, die nicht über das Wissen und die Erfahrung in diesem Themenbereich verfügen, nicht dem Eindruck anheim zu fallen, dass die Welt, die sie umgibt, von Menschen mit pathologischen Abweichungen beherrscht wird, ob diese hier nun beschreiben werden oder nicht. Es ist nicht so. Die folgende Grafik zeigt annähernd das Verhältnis des Zustandes einer Gesellschaft. ~~~
Es sollte umso mehr die Tatsache betont werden, dass abweichende Menschen die Minderheit darstellen, da Theorien über die außergewöhnlich kreative Rolle abnormer Personen bestehen, ja sogar eine Gleichsetzung menschlicher Genies mit der Psychologie des Abnormalen. Durch die Einseitigkeit dieser Theorien scheinen diese jedoch von Menschen abgeleitet worden zu sein, die mittels einer solchen Weltsicht nach einer Bestätigung ihrer eigenen Persönlichkeit suchten. Es gab auch unglaubliche Denker, Entdecker und Künstler, die, qualitativ gesprochen, in ihrer Psychologie völlig normal waren. Schließlich bilden psychologische normale Menschen sowohl die statistische Mehrheit als auch die eigentliche Basis des gesellschaftlichen Lebens jeder Gemeinschaft. Nach dem Gesetz der Natur sollten sie demnach diejenigen sein, die das Tempo bestimmen; aus ihrer Natur entstammt die Moral. Die Macht sollte deshalb in den Händen normaler Menschen liegen. Ein Ponerologe verlangt von solchen Autoritäten nur ein angemessenes Verständnis über die weniger normalen Menschen und auch, dass die geltenden Gesetze auf der Grundlage eines solchen Verständnisses verabschiedet werden. Die quantitative und qualitative Zusammensetzung dieser biopsychologisch unzulänglichen Fraktion der Bevölkerung variiert auf unserem Planeten je nach Zeit und Ort. Dies kann sich in manchen Ländern durch einen einstelligen Prozentsatz, in manchen Nationen bis zu 19 Prozent darstellen. Diese angesprochene quantitative und qualitative Struktur beeinflusst das gesamte psychologische und moralische Klima des betreffenden Landes. Aus diesem Grund sollte dieses Problem einer bewussten Betrachtung unterzogen werden. Es sollte jedoch ebenfalls in Betracht gezogen werden, dass die Machtträume, die nachweisbar in solchen Kreisläufen sehr stark vorhanden sind, sich nicht immer und nicht notwendigerweise in allen Ländern manifestieren, in denen dieser Prozentsatz sehr hoch ist. Hier sind auch weitere historische Umstände entscheidende Faktoren. In jeder Gesellschaft dieser Welt schaffen psychopathische Individuen und auch manche der anderweitig abweichenden Menschen ein ponerogenisch aktives Netzwerk allgemeiner Absprachen, das teilweise der Gemeinschaft normaler Menschen entfremdet ist. In diesem Netzwerk spielt die essentielle Psychopathie eine inspirierende Rolle; dies scheint ein übliches Phänomen zu sein. Die essentiellen Psychopathen sind sich ihrer Verschiedenartigkeit bewusst, während sie ihre Lebenserfahrungen machen und mit den verschiedenen Möglichkeiten um ihr Ziel zu kämpfen vertraut werden. Ihre Welt ist für alle Zeiten in „Wir“ und „Sie“ geteilt; in ihre kleine Welt, die ihre eigenen Gesetze und Gebräuche hat und in die fremde Welt normaler Menschen, die sie als voll von überheblichen Ideen und Gewohnheiten betrachten, durch die sie moralisch abgeurteilt werden. Ihre Wahrnehmung von Ehre lädt sie dazu ein, diese andere menschliche Welt und deren Werte bei jeder Gelegenheit zu betrügen und zu verschmähen. Im Gegensatz zu den Gewohnheiten der normalen Menschen haben sie das Gefühl, dass ein Versprechen zu brechen ein angemessenes Verhalten ist. Ganz besonders verstörend für einen normalen Menschen, etwas, womit er bei Psychopathen umzugehen hat, ist das Faktum, dass Psychopathen sehr früh lernen, wie ihre Persönlichkeiten traumatisierende Auswirkungen auf die Persönlichkeiten normaler Menschen haben können und wie sie aus dieser Ursache des Schreckens für das Erreichen ihrer Ziele ihre Vorteile ziehen können. Diese Dichotomie der Welten ist immer vorhanden und verschwindet auch nicht, wenn sie bei der Umsetzung ihrer Jugendträume von Macht über die Gesellschaft der normalen Menschen erfolgreich sind. Dies legt uns eine biologische Konditionierung dieser Trennung sehr nahe. Im Psychopathen entsteht der Traum von einer Utopie einer „glücklichen“ Welt und von einem sozialen System, das ihn nicht zurückweist oder ihn den Gesetzen und Gebräuchen unterwirft, deren Sinn ihm völlig unverständlich ist. Er träumt von einer Welt, in der sein einfacher und radikaler Weg die Realität zu erfahren und wahrzunehmen vorherrscht37; einer Welt, die ihm natürlich auch Sicherheit und Wohlstand sichert. In diesem utopischen Traum stellt er sich diese „Anderen“ zwar anders, aber technisch begabter als er selbst vor, und so sollten diese Anderen dafür arbeiten, dass die Psychopathen und ihresgleichen ihre Ziele erreichen. „Wir“, so sagen die Psychopathen, „werden schlussendlich ein neues Regierungssystem, ein gerechtes Regierungssystem, schaffen.“38 Sie sind darauf vorbereitet zu kämpfen und zum Wohl dieser schönen neuen Welt zu leiden. Und natürlich auch darauf, anderen Menschen dieses Leid zuzufügen. Solche eine Vision rechtfertigt das Töten von Menschen, deren Leid ihnen kein Mitgefühl entlockt, da „diese“ nicht von ihrer Art sind. Sie realisieren nicht, dass sie dadurch folglich auf Widerstand stoßen werden, der Generationen überdauern kann.39 Einen normalen Menschen einem psychologisch abnormen Individuum unterzuordnen hat ernsthafte und schädigende Auswirkungen auf seine oder ihre Persönlichkeit es erzeugt Traumas und Neurosen. Dies wird auf eine Weise erreicht, die sich im Allgemeinen der bewussten Kontrolle entzieht. In solch einer Situation wird der Mensch seiner natürlichen Rechte beraubt: seine eigene mentale Hygiene zu leben, eine ausreichend autonome Persönlichkeit zu entwickeln und seinen gesunden Menschenverstand zu benutzen. Im Lichte der Gesetze der Natur ist dies ein Verbrechen eines, das auf jeder sozialen Ebene und in jedem Kontext vorkommen kann obgleich dies nicht in irgendeinem Gesetzestext festgehalten ist. Wir haben bereits die Natur einiger pathologischer Persönlichkeiten besprochen, wie beispielsweise die frontale Charakteropathie, und wie diese die Persönlichkeiten jener Menschen deformieren kann, die mit ihr zusammentreffen. Solcherart hat die essentielle Psychopathie eine ganz besonders starke Auswirkung. In einen Menschen, der einem Psychopathen ausgeliefert ist, frisst sich etwas Mysteriöses hinein, das dann wie ein Dämon bekämpft wird. Seine Emotionen kühlen sich ab, sein Sinn für die psychologische Realität wird unterdrückt. Dies führt zu einer bezugslosen Denkweise und einem Gefühl der Hilflosigkeit, was in depressiven Reaktionen kulminiert, die so stark sein können, dass sie von Psychiatern manchmal als manisch-depressive Psychose fehldiagnostiziert werden. Viele Menschen rebellieren gegen eine Herrschaft der Psychopathen schon weit vor solch einer Krise und beginnen nach Auswegen zu suchen, wie sie sich von solch einem Einfluss befreien können. Viele Lebenssituationen enthalten weitaus geringer rätselhafte Ergebnisse, die aufgrund der Wirkung anderer psychologischer Anomalien auf normale Menschen (die in jedem Fall unangenehm und destruktiv sind) und des skrupellosen Antriebs ihrer Träger andere Menschen zu beherrschen und auszunutzen entstehen. Deshalb haben Gesellschaften, beherrscht von unangenehmen Erfahrungen und Gefühlen, wie auch von natürlichem Egoismus, gute Gründe solche Menschen abzuweisen und sie in unwichtige Positionen des sozialen Lebens abzuschieben, was Armut und Kriminalität mit einschließt. Unglücklicherweise ist es fast die Norm, dass solch ein Verhalten in den Kategorien unserer natürlichen Weltsicht zu einer moralisierenden Rechtfertigung führt. Die meisten Mitglieder einer Gesellschaft fühlen sich berechtigt, ihre eigene Person und ihren Besitz zu schützen. Zu diesem Zweck nutzen sie das bestehende Rechtssystem. Da die Gesetze auf der natürlichen Wahrnehmung von Erscheinungen und auf emotionalen Motivationen beruhen, anstatt auf einem objektiven Verständnis der Probleme, dienen sie in keiner Weise dem Schutz der Ordnung und der Sicherheit, wie wir sie gerne hätten. Psychopathen und andere abweichende Charaktere nehmen diese Gesetze nur als einen Zwang wahr, der bekämpft werden muss. Für Menschen mit verschiedenen psychologischen Abweichungen erscheint die von normalen Menschen beherrschte Struktur und deren konzeptuelle Welt als „System des Zwangs und der Unterdrückung.“ Eine solche Wahrnehmung ist bei Psychopathen die Regel. Wenn gleichzeitig in einer Gesellschaft ein gerüttelt Maß an Ungerechtigkeit besteht, können die pathologischen Gefühle von Ungerechtigkeit und suggestive Aussagen, die von abweichenden Charakteren ausgehen, bei denjenigen auf fruchtbaren Boden fallen, die tatsächlich unfair behandelt wurden. Sodann können revolutionäre Doktrinen mit Leichtigkeit unter beiden Gruppen verbreitet werden, obwohl jede der beiden Gruppen völlig unterschiedliche Gründe für eine Befürwortung solcher Ideen hat. ~~~
Das Vorhandensein von pathogenischen Bakterien in unserer Umgebung ist ein verbreitetes Phänomen. Es ist jedoch nicht der alleinige entscheidende Faktor der bestimmt, ob ein Mensch oder eine Gesellschaft krank wird, da hier ebenso die natürliche und künstliche Immunität, wie auch medizinische Unterstützung eine Rolle spielen können. Auf ähnliche Weise entscheiden nicht psychopathologische Faktoren alleine über die Verbreitung des Bösen. Auch andere Faktoren haben hier eine gleichgestellte Wichtigkeit: sozioökonomische Faktoren, wie auch moralische und intellektuelle Defizite. Menschen und Nationen, die im Namen moralischer Werte Ungerechtigkeiten ertragen können, finden leichter ihren Weg aus solchen Schwierigkeiten heraus, ohne dabei zu gewalttätigen Mitteln greifen zu müssen. In diesem Zusammenhang beinhaltet eine reichhaltige moralische Tradition die Erfahrungen und Betrachtungen von Jahrhunderten. Dieses Buch beschreibt die Rolle dieser zusätzlichen Faktoren bei der Entstehung des Bösen, die seit Jahrhunderten unzureichend verstanden werden. Eine diesbezügliche Erklärung ist für eine Vervollständigung des Gesamtbildes entscheidend und sie erlaubt es uns, effektivere praktische Maßnahmen zu treffen. Aus diesem Grund reduziert die Rolle der pathologischen Faktoren bei der Entstehung des Bösen nicht die Verantwortung von sozialem und moralischem Versagen und intellektuellen Defiziten als Beitrag zu dieser Situation. Wirkliche moralische Defizite, wie auch eine im Großen und Ganzen inadäquate Konzeption der menschlichen Realität und psychologischer und moralischer Situationen werden häufig durch weiter zurückliegende, aber auch durch aktuelle Aktivitäten der pathologischen Faktoren verursacht. Wir müssen jedoch auch die konstante, biologisch bestimmte Präsenz dieser kleinen Minderheit von Leuten in jeder menschlichen Gesellschaft bemerken, welche diese qualitativ unterschiedlichen, doch ponerologisch aktiven, pathologischen Faktoren in sich tragen. Jegliche Diskussion, was im Prozess der Entstehung des Bösen zuerst da war, moralisches Versagen oder die Aktivitäten der pathologischen Faktoren, muss daher als akademische Spekulation angesehen werden. Andererseits ist es ein nutzbringendes Unterfangen, die Bibel mit den Augen eines Ponerologen nochmals zu lesen. Eine detaillierte Analyse der Persönlichkeit eines durchschnittlichen, normalen Menschen zeigt fast bei nahezu jeder Persönlichkeit Umstände und Schwierigkeiten, die durch die Wirkung der einen oder anderen Art von pathologischen Faktoren auf den Menschen verursacht wurden. Wenn eine solche Aktivität schon vor langer Zeit gestoppt wurde, der Ort dieser Aktivität weit entfernt liegt oder der Faktor selbst |