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Politische Ponerologie

Die Wissenschaft über die Natur des Bösen und seiner Anwendung für politische Zwecke


von Andrew M. Lobaczewski
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Politische Ponerologie

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Kapitel:
Klappentext
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Autors
Vorwort des Autors zur aktuellen Ausgabe

I. Einleitung
II. Einige unverzichtbare Konzepte
III. Der hysteroide Kreislauf
IV. Ponerologie
V. Pathokratie
VI. Normale Menschen unter pathokratischer Herrschaft
VII. Psychologie und Psychiatrie unter pathokratischer Herrschaft
VIII. Pathokratie und Religion
IX. Therapie für die Welt


qfslogo



Kapitel 3 - Der hysteroide Kreislauf



Seit Anbeginn menschlicher Gesellschaften und Zivilisationen auf unserem Planeten sehnten sich die Menschen nach Glück, nach guten Zeiten voll von Ruhe und Gerechtigkeit, die jedem erlaubten, in Frieden sein Vieh zu hüten, nach fruchtbaren Tälern Ausschau zu halten, die Erde zu pflügen, nach Bodenschätzen zu graben oder Häuser und Paläste zu bauen. Der Mensch sehnt sich Frieden, so wie er auch die angesammelten Güter früherer Generation genießen und stolz das Aufwachsen seiner Kinder beobachten will. Und dazwischen ein Schlückchen Wein oder Met wäre auch nicht zu verachten. Er möchte herumwandern, fremde Länder und Menschen kennenlernen oder den prachtvollen Sternenhimmel des Südens und die Farben der Natur staunend betrachten, und die Gewänder der Frauen. Er möchte vielleicht auch seinen Vorstellungen freien Lauf lassen und seinen Namen mit von ihm geschaffenen Kunstwerken unsterblich machen, sei dies nun ein behauener Stein, ein Mythos oder seine Poetik.

Seit undenklichen Zeiten träumte der Mensch von einem Leben, in dem seine geistigen Bemühungen und seine körperlichen Arbeiten von einem wohlverdienten Ruhestand gekrönt wären. Er würde gerne mit den Gesetze der Natur vertraut sein, damit er aus ihren reichen Gaben seine Vorteile ziehen kann. Der Mensch nahm die natürlichen Kräfte des Tierreichs in Anspruch, damit er seine Träume wahr machen konnte, und wenn diese nicht seinen Ansprüchen gerecht wurden, wandte er sich zu diesem Zweck seiner eigenen Art zu und beraubte andere Menschen ihrer Menschlichkeit, einfach weil er mächtiger als sie war.

Die Träume von einem glücklichen und friedvollen Leben ließen aus diesem Grund die Unterdrückung anderer Menschen entstehen, eine Kraft, die den Geist desjenigen, der sie anwendet, verdirbt. Aus diesem Grund sind die Träume des Menschen vom Glück noch niemals wahr geworden. Diese hedonistische Sichtweise des „Glücks“ beinhaltet bereits die Saat des Elends und nährt diesen ewigen Kreislauf, worin gute Zeiten immer zu schlechten Zeiten werden, die wiederum Leid und geistige Anstrengungen verursachen, was Erfahrungen und einen reellen Verstand, als auch Mäßigung und ein bestimmtes Maß an psychologischer Erkenntnis erzeugt, Werte, die dazu dienen, wieder günstigere Umstände der Existenz aufzubauen.

In guten Zeiten verlieren die Menschen immer mehr das Bedürfnis nach tiefer Besinnung, Einsicht, der Kenntnis von anderen Menschen und nach einem Verständnis der komplizierten Gesetze des Lebens. Macht es überhaupt Sinn, über die Eigenschaften der menschlichen Natur nachzusinnen, ob nun der eigenen oder der jemandes anderen? Können wir die kreative Bedeutung des Leidens verstehen, wenn wir es nicht selbst erlebt haben, anstatt den leichten Weg zu nehmen und die Schuld auf die Betroffenen zu schieben? Jede außergewöhnliche mentale Bemühung kommt einem sinnlos vor, wenn man sich der Lebensfreude offenbar einfach so bedienen kann. Ein kluger, liberaler und fröhlicher Zeitgenosse ist ein Prachtkerl, und ein weitsichtigerer Mensch, der düstere Vorhersagen trifft, wird zu einem miesmacherischen Spielverderber.

Die Wahrnehmung der Wahrheit über unsere eigentliche Umgebung, besonders das Verständnis der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Werte, verliert in solch sogenannten „glücklichen Zeiten“ ihre Bedeutung – bedachte Zweifler werden als Idioten verschrien, die an nichts ein gutes Haar lassen können. Dies führt im Gegenzug wiederum zu einer Ausdünnung des psychologischen Wissens - der Fähigkeit die menschlichen Eigenschaften und die menschliche Natur unterscheiden zu können - und des Vermögens, kreativ den Verstand zu formen. Und so ersetzt der Kult der Macht diese mentalen Werte, die für die friedvolle Aufrechterhaltung der Ordnung so essentiell sind. Die Bereicherung oder Verarmung der psychologischen Weltsicht eines Landes können als Indikatoren dafür angesehen werden, ob seine Zukunft gut oder schlecht sein wird.

In „guten Zeiten“ wird die Suche nach der Wahrheit unbequem, da sie unangenehme Tatsachen offenlegt. Da ist es besser, über leichtere und freundlichere Dinge nachzudenken. Schrittweise wird die unbewusste Elimination von Daten, die unzweckmäßig erscheinen oder sind, zur Gewohnheit, was daraufhin von der gesamten Gesellschaft breit akzeptiert wird. Das Problem dabei liegt darin, dass jeder Gedanke, der auf solch beschränkten Informationen beruht, unmöglich zu korrekten Schlussfolgerungen führen kann, sondern in der Folge zu einem unterbewussten Ersatz dieser unangenehmen Prämissen durch angenehmere Sichtweisen führt und dabei an die Grenzen der Psychopathologie gelangt.

Die Kapazität für ein individuelles und gesellschaftliches Bewusstsein beginnt in solchen für eine Gruppierung zufriedenen Zeitabschnitten – die häufig aufgrund von Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Gruppierungen oder Ländern entstehen – erwürgt zu werden. Unterbewusste Faktoren übernehmen eine entscheidende Rolle im Leben. Solch eine Gesellschaft, die bereits vom hysteroiden1 Zustand befallen ist, betrachtet jegliche Wahrnehmung der unbequemen Wahrheit als Anzeichen von „Schlechtheit“.

Johann Gottfried Herders2 Eisberg wird in einem Meer verfälschten Unbewusstseins ertränkt – nur die Spitze des Eisbergs ist oberhalb der Wellen des Lebens sichtbar. Die Katastrophe wartet auf ihren Auftritt. In solchen Zeiten verliert sich die Fähigkeit für logische und disziplinierte Gedanken, die aus der Notwendigkeit schlechter Zeiten entstanden ist. Wenn Gemeinschaften ihre Kapazitäten für psychologische Vernunft und moralische Kritik verlieren, wird der Prozess der Schaffung des Bösen in jedem sozialen Bereich intensiviert, ob individuell oder makrosozial, bis sich alles wieder in „schlechte“ Zeiten zurückbildet.

Wir wissen bereits, dass jede Gesellschaft einen bestimmten Prozentsatz von Menschen enthält, die psychologische Abweichungen in sich tragen, die von verschiedenen vererbten oder selbst erlangten Faktoren verursacht sind und die anomale Wahrnehmungen, Gedankengänge und Charaktere erzeugen. Diese Menschen versuchen häufig, ihrem abweichenden Leben mittels sozialer Hyperaktivität eine Bedeutung zu geben. Sie schaffen ihre eigenen Mythen und Ideologien, bestehend aus einer Überkompensation ihrer Defizite,  und besitzen die Tendenz, anderen Menschen egotistisch zu verstehen zu geben, dass ihre eigenen abweichenden Wahrnehmungen und daraus resultierenden Ziele und Ideen überlegen sind.

Wenn nach ein paar Generationen „guter Zeiten“ die Sorglosigkeit in einem gesellschaftlichen Defizit bezüglich der sozialen Fähigkeiten und der moralischen Kritik mündet, ist der Weg für pathologische Anstifter, Bauernfänger und besonders für primitive Betrüger geebnet, die mit den Prozessen der Entstehung des Bösen handeln und sich darin einbinden. Bei der Genese des Bösen sind das entscheidende Faktoren. Im nächsten Kapitel werde ich versuchen meine Leser zu überzeugen, dass der Anteil der pathologischen Faktoren, so sehr sie auch von den Sozialwissenschaften unterbewertet werden, im Prozess der Entstehung des Bösen ein verbreitetes Phänomen ist.

Diese Zeiten, die viele Menschen im Nachhinein als „die gute alte Zeit“ bezeichnen, führen deshalb einen fruchtbaren Boden für spätere Tragödien mit sich, da sich Moral und persönliche sowie intellektuelle Werte schrittweise rückentwickeln, was zur Entstehung rasputinartiger Epochen führt.

So können wir das ursächliche Verständnis der Realität darstellen, das in keinster Weise der teleologischen3 Wahrnehmung der Bedeutung der Kausalität widerspricht. Schlechte Zeiten sind nicht nur ein Resultat eines hedonistischen Rückschritts in die Vergangenheit, sondern sie haben auch einen historischen Zweck zu erfüllen.

Leid, Anstrengungen und mentale Aktivitäten führen in Zeiten drohender Bitterkeit zu einer schrittweisen, im Allgemeinen verstärkten Regeneration verlorener Werte, was eine menschliche Entwicklung zum Ergebnis hat. Unglücklicherweise haben wir immer noch kein ausreichend vollständiges philosophisches Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeiten von Ursache und Teleologie dieser Dinge. Es scheint, dass im Lichte der Schöpfungsgesetze Propheten eine klarere Sichtweise gehabt haben als Philosophen, wie zum Beispiel E.S. Russel4, R.B. Braithwaite5 oder G. Sommerhoff6, die diese Frage reflektiert haben.

Wenn schlechte Zeiten anbrechen, sind die Menschen von einem Übermaß an Bösem überwältigt. Sie müssen all ihre mentalen und körperlichen Kräfte aufbringen, um für ihre Existenz und den Schutz der menschlichen Vernunft zu kämpfen. Die Suche nach einem Ausweg aus den Schwierigkeiten erweckt die lang verschütteten Kräfte der Besonnenheit wieder zum Leben. Solche Menschen haben zu Beginn die Tendenz, sich auf die an der Macht befindlichen Kräfte zu verlassen, die ihrer Ansicht nach der Bedrohung entgegenwirken könnte. Sie könnten beispielsweise zu schießwütigen Personen werden oder von Armeen gefesselt sein.

Langsam und mühselig entdecken sie jedoch die Vorteile der mentalen Anstrengungen: Im Speziellen sind das eine verbesserte Einsicht über die psychologische Situation, eine bessere Unterscheidungsfähigkeit der menschlichen Charaktere und Persönlichkeiten und schließlich die Kenntnis über ihre Gegner. Während dieser Zeiten erlangen die Werte, die von den vorangegangenen Generationen zu rein literarischen Themen degradiert wurden, wieder ihre reale und nützliche Substanz und werden aufgrund ihres Nutzens geschätzt. Ein weiser Mensch, der fundierte Ratschläge erteilen kann, wird dann höchst respektiert.

Die Philosophien von Sokrates und Konfuzius, jene halblegendären Denker, die sich, obgleich sie fast Zeitgenossen waren, jeweils am anderen Ende des großen Kontinents befanden, sind sich erstaunlich ähnlich. Beide lebten in bösen, blutigen Zeiten und skizzierten eine Methode, das Böse zu überwinden, besonders in Bezug auf die Wahrnehmung der Gesetze des Lebens und das Wissen um die Natur des Menschen. Sie suchten nach Kriterien für moralische Werte innerhalb dieser Natur und betrachteten Wissen und Verständnis als solche Werte. Beide Männer hörten jedoch dieselbe stumme innere Stimme, die sie davor warnte, sich mit wichtigen moralischen Fragen zu beschäftigen: „Sokrates, tu das nicht.“ Aus diesem Grund sind ihre Mühen und Opfer im Kampf gegen das Böse eine beständige Hilfe.

Schwierige und mühselige Zeiten lassen Werte entstehen, die schließlich imstande sind, das Böse zu überwinden und wieder bessere Zeiten entstehen zu lassen. Die prägnante und exakte Analyse der Phänomene, die Dank der Überwindung entbehrlicher Emotionen und des Egotismus, der selbstgerechte Menschen charakterisiert, möglich ist, bereitet den Weg zu einem kausativen Verhalten, besonders in der philosophischen und psychologischen Sichtweise, wie in der moralischen Einsicht. Dies wendet das Blatt zum Vorteil des Guten. Wenn diese Werte völlig im menschlichen kulturellen Erbe verankert wären, könnten sie die Nationen ausreichend vor der nächsten Epoche von Irrtümern und Verzerrungen schützen. Das kollektive Gedächtnis ist jedoch unbeständig und besonders dafür anfällig, einen Philosophen samt seiner Arbeit aus dem Kontext zu reißen, aus seiner Zeit, seinem Ort und den Zielen, denen er gedient hat.

Wann immer ein erfahrender Mensch nach einer schwierigen und mühevollen Arbeit einen Augenblick relativer Ruhe findet, ist sein Geist frei, um unbelastet von entbehrlichen Emotionen und vergangenen, überholten Verhaltensweisen, doch unterstützt von der Erkenntnis vergangener Jahre, die Situation zu reflektieren. So kommt er einem objektiven Verständnis der Phänomene und einer Sicht auf die ursächlichen Verbindungen näher, einschließlich jener Verbindungen, die im Rahmen unserer natürlichen Sprache nicht verstanden werden können. Er sinniert deshalb über einen sich immer erweiternden Kreis von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, während er die Bedeutung der bereits geschehenen Ereignisse betrachtet, die die Epochen der Geschichte abgrenzten. Wir greifen auf antike Grundsätze zurück, weil wir sie besser verstehen können – sie machen es uns leichter, sowohl die Genesis als auch die kreative Bedeutung unglücklicher Zeiten zu verstehen.

Der Kreislauf der glücklichen, friedvollen Zeiten begünstigt eine Einengung der Weltsicht und einen Anstieg des Egotismus. Gesellschaften unterliegen einer fortschreitenden Hysterie, bis hin zum letzten Stadium, das Historikern aus Beschreibungen bekannt ist und das schließlich Zeiten von Verzweiflung und Verwirrung hervorbringt. Dies war seit Jahrtausenden so und wird auch weiterhin so sein. Die Rückbildung des Verstandes und der Persönlichkeit, eine Eigenschaft aus vorgeblich glücklichen Zeiten, variiert von Nation zu Nation. Deshalb schaffen es manche Länder, die Auswirkungen solcher Krisen mit nur geringen Verlusten zu überstehen, wohingegen andere Nationen und Reiche völlig ausgelöscht werden. Auch spielen hier geopolitische Faktoren eine entscheidende Rolle.

Die psychologischen Merkmale solcher Krisen tragen unzweifelhaft den Stempel der Zeit und der betreffenden Zivilisation, doch bei allen trägt eine Gemeinsamkeit zur Verschlechterung des hysterischen Zustandes der Gesellschaft bei. Diese Abweichung - oder besser - dieser ausgeprägte Charaktermangel, ist eine konstante Krankheit von Gesellschaften, besonders in der privilegierten Elite. Die Existenz von einzelnen hochgespielten Fällen, besonders jenen, die man als klinisch charakterisiert, ist ein Ableger des Ausmaßes der sozialen Hysterie und wird häufig mit so manch anderen Gründen in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel mit kleinen Hirnverletzungen. Diese Menschen können qualitativ und quantitativ dazu dienen, solche Zeiten zu evaluieren und deutlich zu machen, wie es in der Geschichte von San Michele7 dargestellt ist. Aus historischer Perspektive wäre es schwieriger, den Rückschritt der Fähigkeit und Richtigkeit der Vernunft zu untersuchen, oder die Intensität des „Austrian Talks“ (die österreichische Rede), obwohl sich diese dem Kern der Sache auf direktere und bessere Weise nähern.

Trotz der erwähnten qualitativen Unterschiede sind die Zeiträume dieser beiden Zyklen ähnlich. Wenn wir annehmen, dass die europäische Hysterie um 1900 am höchsten war und nicht ganz alle zwei Jahrhunderte wiederkehrt, finden wir ähnliche Umstände. Solch eine zyklische Zeitgleichheit kann eine ganze Zivilisation umfassen und sich auf angrenzende Länder ausdehnen, doch sie kann keine Ozeane überqueren und nicht bis in weit entfernte Zivilisationen gelangen.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, tanzten und sangen junge Offiziere in den Straßen Wiens: „Krieg, Krieg, Krieg! Es wird ein schöner Krieg“. Als ich 1978 Oberösterreich bereiste, besuchte ich einen Pfarrer, der damals um die siebzig Jahre alt war. Während ich ihm etwas über mich erzählte, realisierte ich plötzlich, dass er dachte ich log und dass ich ihm erfundene Geschichten erzählte. Er unterzog meine Aussagen einer psychologischen Analyse, die auf dieser unanfechtbaren Vermutung beruhte und versuchte mich zu überzeugen, dass seine Moral erhaben sei. Später beschwerte ich mich bei einem Freund darüber. Er war amüsiert: „Als Psychologe hattest du ein riesiges Glück, auf einen Überlebenden der authentischen österreichischen Rede zu treffen. Wir jungen Psychologen waren niemals in der Lage dies nachzuweisen, selbst wenn wir es simulieren wollten.“

In den europäischen Sprachen ist die „österreichische Rede“ zu einem allgemeinen beschreibenden Begriff für einen paralogistischen8 Diskurs geworden. Heutzutage verwenden einige Leute diesen Begriff, während sie sich seiner Wurzel unbewusst sind. Im Kontext der damaligen maximalen hysterischen Intensität in Europa stellt die authentische Aussage ein typisches Produkt gegenteiligen Denkens dar: Eine unterbewusste Selektion und Ersetzung von Daten, die zu einem chronischen Vermeiden des Kerns der Sache führt. Auf dieselbe Weise ist der Reflex, die Annahme, dass jedermann lügt, ein Anzeichen für die hysterische Antikultur der Verlogenheit, worin das Sagen der Wahrheit „unmoralisch“ wird.

Aus dieser Epoche des hysterischen Rückschritts entstanden der erste Weltkrieg und die große Revolution, die sich auf Faschismus, Hitlerismus und die Tragödie des zweiten Weltkrieges verlängerte. Sie erzeugte auch das makrosoziale Phänomen, dessen abweichender Charakter den gegenwärtigen Zyklus überlagert, rastert und zerstört. Das zeitgenössische Europa steuert auf das entgegengesetzte Extrem dieser historischen Sinuskurve zu. Wir können deshalb annehmen, dass der Beginn des nächsten Jahrhunderts eine Epoche optimaler Tauglichkeit und Korrektheit der Vernunft hervorbringen wird, was zu vielen neuen Werten in allen Bereichen menschlicher Entdeckungen und Kreativität führen wird. Wir können ebenfalls vorhersehen, dass ein realistisches psychologisches Verständnis und eine spirituelle Bereicherung Merkmale dieser Ära sein werden.

Zur selben Zeit hat jedoch Amerika, besonders die USA, zum ersten Mal in seiner kurzen Geschichte einen Tiefpunkt erreicht. Grauhaarige Europäer, die derzeit in den USA leben, sind von der Gleichartigkeit der aktuellen Phänomene mit denjenigen, die Europa während ihrer Jungendzeit beherrscht haben, betroffen. Die Empfindlichkeit, mit der das individuelle, kollektive und politische Leben wie auch die unterbewusste Selektion und Ersetzung von vernunftsbezogenen Daten dominiert wird, lässt die Entwicklung einer psychologischen Weltsicht verarmen und führt zu einem individuellen und nationalen Egotismus. Die Manie, sich bei jeder Kleinigkeit angegriffen zu fühlen, provoziert permanente Vergeltungsmaßnahmen und nutzt auf Kosten der anderen Menschen diese Überreizbarkeit und Hyperkritikalität aus.9 Dies kann als Analogie für den früheren europäischen Duellwahn angesehen werden. Leute, die das Glück hatten eine höhere Position als andere zu erreichen, behandeln ihre „Untergebenen“ geringschätzig, eine Art, die sehr an die Angewohnheiten im zaristischen Russland erinnern. Die freudianische Psychologie der Jahrhundertwende findet in diesem Land reiche Anwendungsgebiete, da die sozialen und psychologischen Zustände der beiden Epochen vergleichbar sind.

Der Rückschritt der amerikanischen Psychologie hat eine beeinträchtigte sozio-professionelle Anpassung der Amerikaner zur Folge, was zu einer Verschwendung von menschlichen Talenten und zu einer Rückbildung der gesellschaftlichen Struktur führt. Wenn wir für Amerika einen Index – wie im letzten Kapitel angesprochen – erstellen wollten, so wäre dieser wahrscheinlich niedriger als der Index der meisten freien und zivilisierten Nationen, und möglicherweise auch niedriger als der mancher Länder, die derzeit nicht frei sind.

Ein hochbegabter amerikanischer Mensch hat es in den USA so schwer wie noch nie, seinen Weg zu Selbsterkenntnis und zu einer sozial kreativen Stellung zu machen. In Universitäten, der Politik und in der Wirtschaft besteht eine noch nie dagewesene gemeinsame Phalanx an relativ unbegabten und sogar inkompetenten Menschen. Das Wort „überqualifiziert“ fällt immer häufiger. Diese überqualifizierten Menschen verstecken sich schließlich in den Labors so mancher Foundation, wo ihnen gestattet wird, den Nobelpreis zu gewinnen, so lange sie dabei nicht wirklich etwas Nützliches leisten. In der Zwischenzeit leidet das Land als Ganzes aufgrund des Mangels der inspirierenden Rolle höchst begabter Menschen.

Als Resultat davon erstickt Amerika den Fortschritt in allen Lebensbereichen, von der Kultur bis hin zu Technologie, Wirtschaft und politischer Inkompetenz. Wenn dies mit weiteren Defiziten zusammenläuft, führt die Unfähigkeit eines Egotisten andere Menschen zu verstehen zu politischen Irrtümern und Außenseiter werden zu Sündenböcken. Wenn die Evolution politischer Strukturen und sozialer Institutionen völlig eingebremst wird, steigern sich sowohl die administrative Trägheit als auch die Unzufriedenheit der Betroffenen.

Es sollte uns klar sein, dass die dramatischsten sozialen Schwierigkeiten und Spannungen frühestens erst zehn Jahre nach den ersten beobachtbaren Anzeichen auftreten, die aus einer psychologischen Krise entstanden sind. In der Folge entsteht eine verzögerte Reaktion auf die Ursache – oder sie wird von diesem psychologischen Aktivierungsprozess stimuliert. Die Zeitspanne für effektive Gegenmaßnahmen ist deshalb sehr gering.

Kann Europa bei den USA dieselbe Krankheit erkennen, unter der es selbst in der Vergangenheit so häufig gelitten hat? Entsteht das Gefühl der Überlegenheit Amerikas gegenüber Europa aus diesen vergangenen Ereignissen und ihrer tragischen und unmenschlichen Ergebnisse? Und wenn, ist dieses Verhalten mehr als nur ein harmloser Anachronismus? Es wäre von großem Vorteil, würden die europäischen Länder aus ihren historischen Erfahrungen und moderneren psychologischen Erkenntnissen ihre Schlüsse ziehen, um für Amerika eine effektive Hilfe zu sein.

Zentral-Osteuropa, derzeit unter sowjetischer Herrschaft10, gehört zum europäischen Zyklus, obwohl es etwas nachhinkt. Dasselbe gilt für die Sowjetunion, besonders für den europäischen Teil. Hier jedoch, wenn man diese Veränderungen nachverfolgen und sie von dramatischeren Phänomenen isolieren will, entziehen sich uns die Möglichkeiten der Beobachtung, wenn auch nur in der Methodologie. Doch sogar hier existiert ein progressives Wachstum des Widerstands an der Basis für die regenerativen Kräfte des gesunden Menschenverstandes. Das dominante System fühlt sich Jahr für Jahr gegenüber diesen organischen Veränderung schwächer. Fügen wir dem nun ein Phänomen hinzu, das der Westen völlig unverständlich findet und das eine detailliertere Betrachtung verdient: Die wachsende spezifische, praktische Kenntnis über die herrschende Realität in Ländern, deren Regime ähnlich gelagert sind. Dies erleichtert den individuellen Widerstand und eine Sanierung der sozialen Verbindungen. Solche Prozesse sollten schlussendlich einen Wendepunkt hervorbringen, obgleich dieser höchstwahrscheinlich keine blutige Konterrevolution sein wird.

Die Frage stellt sich von selbst: Wird jemals die Zeit kommen, wo dieser ewige Kreislauf, dem die Nationen nahe hilflos gegenüber stehen, überwunden wird? Können die Nationen permanent ihre kreativen und kritischen Handlungen auf einem durchgehen hohen Niveau erhalten? Unsere Ära beinhaltet viele außergewöhnliche Momente: Unser zeitgenössischer Macbeth-Hexenkessel enthält nicht nur giftige Zutaten, sondern auch Fortschritt und Verständnisse, wie sie die Welt seit Jahrtausenden nicht gesehen hat.

Euphorische Ökonomen sind der Ansicht, dass die Menschheit in Form der elektrischen Energie einen mächtigen Sklaven gewonnen hat und dass Krieg, Eroberung und Unterwerfung anderer Länder auf lange Sicht gesehen immer weniger profitabel werden. Unglücklicherweise können Länder jedoch, wie wir später sehen werden, von Motiven, deren Charakter meta-ökonomisch ist, zu wirtschaftlich irrationalen Wünschen und Handlungen getrieben werden, Aus diesem Grund ist eine Überwindung jener Ursachen und Phänomene, die das Böse entstehen lassen, eine schwierige, obgleich zumindest theoretisch machbare Aufgabe. Um dies jedoch bewerkstelligen zu können, müssen wir die Natur und die Dynamiken der besagten Phänomene verstehen. Es ist ein altes medizinisches Prinzip, das ich immer und immer wieder wiederholen will: „Ignoti nulla curatio morbi.“

Eine Errungenschaft der modernen Wissenschaft, die zur Zerstörung dieses ewigen Kreislaufs beiträgt, ist die Entwicklung der Kommunikationssysteme, die unsere Welt zu einem riesigen globalen „Dorf“ werden ließen. Die darin umrissenen Zeitzyklen nehmen nahezu unabhängig in den verschiedenen Zivilisationen an verschiedenen geographischen Plätzen ihren Lauf. Ihre Phasen waren nie, noch sind sie synchronisiert. Wir können annehmen, dass die amerikanische Phase 80 Jahre hinter der europäischen zurückliegt. Wenn die Welt aus der Perspektive der Kommunikation von sowohl Neuigkeiten als auch Informationen zu einer zusammenhängenden Struktur wird, werden unterschiedliche soziale Inhalte und Meinungen, verursacht durch die verschiedenen Phasen der angesprochenen Zyklen, inter alia, alle Grenzen und Informationssicherheitssysteme überfluten. Dies wird einen Druck entstehen lassen, der die darin liegenden ursächlichen Abhängigkeiten ändern kann. Daraus bildet sich eine plastischere psychologische Situation, welche die Möglichkeiten für zielgerichtete Handlungen erhöht, die auf einem Verständnis dieses Phänomens beruhen.

Gleichzeitig sehen wir trotz vieler wissenschaftlicher, sozialer und politischer Schwierigkeiten die Bildung eines neuen Kreises von Faktoren, die eventuell zur Befreiung der Menschheit von den Auswirkungen nicht verstandener historischer Ursachen beitragen können. Die Entwicklung der Wissenschaft, deren letztendliche Ziele ein besseres Verständnis des Menschen und der Gesetze des sozialen Lebens sind, könnte auf lange Sicht gesehen die öffentliche Meinung dazu bringen, das grundlegende Wissen über die Natur und die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen zu akzeptieren, was erlauben würde, die schädlichen Prozesse zu kontrollieren. Zu diesem Zweck würden Formen internationaler Kooperation und Supervision benötigt werden.

Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Kapazität für korrektes Denken und das richtige Verständnis der Realität schließt ein bestimmtes Maß an Risiko mit ein und verlangt nach Überwindung von komfortabler Faulheit und nach Anwendung von wissenschaftlichen Ergebnissen, jedoch unter anderen Umständen als jenen, unter denen wir großgezogen wurden.

Unter solchen Umständen wird eine egotistische Persönlichkeit, die an eine enge, bequeme Umgebung, an oberflächliches Denken und unkontrollierte Emotionalität gewöhnt ist, äußerst günstige Veränderungen erfahren, die ansonsten durch keinen anderen Umstand erreicht werden können. Besonders werden die veränderten Umstände solch eine Persönlichkeit dazu bringen sich aufzulösen und auf diese Weise intellektuelle und kognitive Anstrengungen auf sich zu nehmen, wie auch moralische Betrachtungen.

Ein Beispiel für solch einen Erfahrungsprozess ist das American Peace Corps. Junge Menschen reisen in arme Entwicklungsländer, um dort zu leben und zu arbeiten, häufig unter primitiven Umständen. Dort lernen sie die Länder und Bräuche zu verstehen, und ihr Egotismus lässt nach. Ihre Weltsicht entwickelt sich und wird realistischer. Auf diese Weise verlieren sie die charakteristischen Mängel des modernen amerikanischen Charakters.

Bei der Überwindung einer Angelegenheit, dessen Ursache im Schleier undenklicher Zeiten verborgen liegt, haben wir oft das Gefühl, dass wir gegen die sich immer weiter drehenden Windmühlen der Geschichte ankämpfen. Das Endziel solcher Anstrengungen ist jedoch eine Möglichkeit, dass ein objektives Verständnis der menschlichen Natur und ihrer ewigen Schwäche, plus der daraus resultierenden Transformation der gesellschaftlichen Psychologie uns effektiv in die Lage versetzen kann, den nicht weit in der Zukunft liegenden destruktiven und tragischen Resultaten entgegenwirken zu können, oder sie überhaupt zu verhindern.

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten, und in diesen Zeiten zu leiden lässt ein besseres Verständnis wachsen, als es vor Jahrhunderten möglich war. Dieses Verständnis und diese Kenntnis passen besser in das gesamte Bild, da sie auf objektiven Daten beruhen. Solch eine Sichtweise wird aus diesem Grund realistisch und die Menschen reifen durch ihre Handlungen. Diese Handlungen sollten nicht auf theoretische Betrachtungen beschränkt sein, sondern Gestalt und Form annehmen.

Um dies zu erleichtern, wollen wir die gestellten Fragen und den Entwurf einer neuen wissenschaftlichen Disziplin näher betrachten. Diese Disziplin soll das Böse studieren, die Faktoren seiner Entstehung ausmachen, ungenügend verstandene Eigenschaften erkennen, seine Schwachpunkte finden und dabei neue Möglichkeiten aufzeigen, der Ursache des menschlichen Leidens entgegenzuwirken.

Fussnoten:

1 Hysterie ist ein psychologischer Zustand unkontrollierbarer Angst oder übertriebener Reizbarkeit. Hier wird der Begriff verwendet, um die „Angst vor der Wahrheit“ zu beschreiben, oder die Angst über unangenehme Dinge nachzudenken, um nicht an der vorherrschenden Zufriedenheit zu rütteln. (Anm. d. Herausgebers)

2 Johann Gottfried Herder (1744-1803), ein Theologe, beeinflusste maßgeblich die deutsche Literatur durch seine literarischen Kritiken und seine Geschichtsphilosophie. Gemeinsam mit Goethe und Schiller machte er Weimar zum Hauptsitz des deutschen Neohumanismus. Seine Analogie nationaler Kulturen als organische Wesen hatte auf das moderne Geschichtsbewusstsein einen enormen Einfluss. Nationen, so sagte er, seien nicht nur den Phasen von Jugend, Reife und Zerfall unterworfen, sondern hätten auch einen eigenen, unvergleichbaren Wert. Seine Mischung aus Anthropologie und Historie war für seine Zeit charakteristisch. (Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (4 Teile 1784/91)) (Anm. d. Herausgebers)

3 Teleologie ist die Lehre der ziel- und zweckbestimmten Ordnung, insbesondere von Abläufen sowie Lebewesen und deren Verhalten. (Anm. d. Herausgebers)

4 E.S. Russel, Form and Function: A Contribution to the History of Animal Morphology (London: Murray, 1916). (Anm. d. Herausgebers)

5 R.B. Braithwaite (1900-1990): wird heute als Wissenschaftstheoretiker kaum noch beachtet, lieferte jedoch wichtige Beiträge zu den Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie, Statistik und Spieltheorie. Theory of Games as a Tool for the Moral Philosopher (1955), Scientific Explanation: A Study of Theory, Probability and Law in Science (1953). (Anm. d. Herausgebers)

6 G. Sommerhoff, Analytical Biology (O.U.P., 1950). (Anm. d. Herausgebers)

7 Axel Munthe (1857-1949), Physiker, Psychiater und Autor, geboren in Oskarshamn, Schweden. Er studierte Medizin in Uppsala, Montpellier und Paris. Während seiner Studienjahre in Paris beeindruckten ihn besonders die Arbeiten des französischen Neurologen Jean-Martin Charcots. Seit 1908 war Munthe Leibarzt der schwedischen Königin Viktoria. Er wurde als der „moderne Franz von Assisi“ bekannt, da er Schutzzonen für Vögel finanzierte. International bekannt wurde Axel Munthe 1929 durch seine Erinnerungen "Das Buch von San Michele",  worin sich Biographisches mit Phantastischem vermischte. (Anm. d. Herausgebers)

8 Paralogismus: n. Trugschluss, paralogisch, paralogisitsch, Paralogie bezeichnet das Benennen oder Beschreiben von Dingen in einer Weise, die den Sachverhalt undeutlich werden lässt. (Anm. d. Herausgebers)

9 Der Fanatismus der Amerikaner, Prozesse zu führen ist weltbekannt. (Anm. d. Herausgebers)

10 Als das Buch geschrieben wurde. (1984)

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